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Guten Tag! [Januar 2007]

Guten Tag!

Heute lädt Sie der cleartext-Newsletter ein zum Zeitunglesen.
Aber Vorsicht! Auch Journalisten verheddern sich im Dschungel der deutschen Sprache. Im Buchtipp lernen Sie einen Herrn kennen, der schon vor über 100 Jahren nach der Machete rief.

Mit besten Grüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Einfach war das Verhältnis zwischen der Stadt Bielefeld und ihrem größten Kunstsammler, dem jetzt im Alter von 90 Jahren verstorbenen Rudolf August Oetker, schon lange nicht mehr."

Bei aller Pietät: So ein Satz tut weh - auch wenn er im Feuilleton einer
der führenden deutschen Zeitungen stand. Zuerst ist alles "einfach" -
und am Satzende dann doch nicht. Verlassen wir diesen Zickzack-Kurs: "Einfach war es schon lange nicht mehr, das Verhältnis zwischen der Stadt Bielefeld und ihrem größten Kunstsammler Rudolf August Oetker, der jetzt im Alter von 90 Jahren starb."

Verwirrungsfrei texten - so funktioniert es:

Das Feuilleton hat bekanntlich einen eigenen Sprachstil. Doch verwirren sollte der den Leser dennoch nicht. In unserem Satz steht der Aussagekern ganz am Ende: "... nicht mehr". Bis dahin scheint alles ganz anders: "Einfach war das Verhältnis ... " - erst am Schluss kippt der Satz. Das verwirrt den Leser. Die Lösung heißt: umbauen. Die zentrale Aussage muss nach vorn.

Durch den Kunstgriff mit dem "es" steht der komplette Hauptsatz am Anfang. Nach dem ersten Komma sage ich, was genau dieses "es" ist. Und nach dem zweiten Komma folgt der Anlass für den Artikel: Oetker ist gestorben - und jetzt ist völlig offen, was aus seiner Kunstsammlung wird.


Tipp des Monats

Wenn Ein Satz ist immer dann leichter verständlich, wenn der Satzkern möglichst weit vorne steht. Der Satzkern, das sind Subjekt und Prädikat. Und: Je länger ein Satz ist, desto wichtiger ist diese Grundregel.
Heikel sind deshalb auch längere "Wenn ... dann"-Sätze: Zunächst kommen die Bedingungen und dann erst das Entscheidende - die Folge. Ein Beispiel:

"Wenn ein langes Wochenende bevorsteht, die Fähre wegen Hochwassers gesperrt ist und in der Innenstadt ein Markt stattfindet, ist der Autobahnzubringer heillos verstopft."

Dieser Satz steht auf dem Kopf. Mein Tipp: Drehen Sie ihn um. Holen Sie die Kernaussage nach vorn - wie bei Herrn Oetker:

"Der Autobahnzubringer ist immer dann heillos verstopft, wenn ein langes Wochenende bevorsteht, die Fähre wegen Hochwassers gesperrt ist und in der Innenstadt ein Markt stattfindet."


Für Sie nachgelesen

"Ein durchschnittlicher Satz in einer deutschen Zeitung ist eine
unübertrefflich eindrucksvolle Kuriosität. Er nimmt ein Viertel einer Spalte ein (...) und danach kommt das Verb, und man erfährt zum ersten Mal, wovon die ganze Zeit die Rede war."

Dies schrieb Mark Twain in seinem Aufsatz "Die schreckliche deutsche
Sprache". Und schon er hatte damals einen "Tipp des Monats": "Deutsche Bücher sind recht einfach zu lesen, wenn man sie vor einen Spiegel hält oder sich auf den Kopf stellt, um die Konstruktion herumzudrehen."

Twain bot an, die deutsche Sprache zu reformieren. Eine seiner zentralen Forderungen lautete: Das Verb müsse weiter nach vorn.

"Man mag noch ein so gutes Verb laden, bei der gegenwärtigen deutschen Entfernung bringt man das Subjekt nie wirklich zur Strecke. Ich empfehle daher mit Nachdruck, diesen wichtigen Redeteil an eine Stelle vorzuziehen, wo man ihn mit bloßem Auge sehen kann."

(aus: Mark Twain "Bummel durch Europa". Insel Taschenbuch it 1895).

 

 

Guten Tag! [Februar 2007]

Guten Tag!

Heute macht der cleartext-Newsletter einen Abstecher in die
Politik. Nicht, um Ihnen die künftige Autosteuer zu erklären -
wir schauen einfach einem Akteur "aufs Maul". Dass manche
Politiker durchaus Klartext lieben, zeigt Ihnen unser Buchtipp.

Mit besten Grüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Ich habe meine Entscheidung auch im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Politik der großen Koalition in Berlin und mit dem politischen Kurs der nordrhein-westfälischen Landespartei getroffen, der mit meinen Grundüberzeugungen, für die ich viele Jahre in der CDU gearbeitet habe, nicht vereinbar ist."

Entscheidungen sind bisweilen Ergebnis eines langen Prozesses. Hier
sieht man es dem Satz förmlich an. Dabei stammt er von einem Politiker, dessen klare Sätze gerühmt wurden. Also, Herr Merz, wie wäre es damit:

"Meine Entscheidung steht auch im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Politik der großen Koalition in Berlin. Und sie steht im Zusammenhang mit dem Kurs der nordrhein-westfälischen Landespartei. Dieser Kurs ist unvereinbar mit meinen Grundüberzeugungen, für die ich viele Jahre in der CDU gearbeitet habe."

Volksnah formulieren - so funktioniert es:

Portionieren: Aus einem Schachtelsatz mit 43 Wörtern werden drei Einzelsätze. Zwei davon sind einfache Hauptsätze. Im dritten kommt zuerst der komplette Hauptsatz, dann folgt der Nebensatz. 15 bis 20 Wörter pro Satz sind genug.

Zeitenwechsel: Der Ausgangssatz steht im Perfekt. Das bedeutet ein geteiltes Verb: "Ich habe meine Entscheidung ... getroffen ". Dazwischen stehen 23 Wörter. Unser Kurzzeitgedächtnis kann maximal sechs Wörter speichern. Das heißt: maximal sechs Wörter zwischen "habe" und "getroffen". Die Lösung: Statt des Entscheidungsprozesses beschreibe ich das Resultat - im Präsens.

Verben nach vorn: Das Verb transportiert eine Hauptinformation im Satz: Was ist geschehen? Was macht der Akteur? Nur: Die klassische Grammatik verbannt das Verb oft ans Satzende. Das macht vor allem lange Sätze schwer verständlich. In vielen Fällen ist die Lösung einfach: nach vorn mit dem Verb!

Statt "Dieser Kurs ist mit meinen Grundüberzeugungen, für die ich viele Jahre in der CDU gearbeitet habe, unvereinbar " einfach "Dieser Kurs ist unvereinbar mit meinen Grundüberzeugungen, für die ich viele Jahre in der CDU gearbeitet habe."


Tipp des Monats

Lösen Sie sich von dem ungeschriebenen Gesetz, dass gebildete Menschen nur komplexe Sätze formulieren dürfen. Der beste Satz ist der, den ich als Leser auf Anhieb verstehe. Den ich nicht zwei Mal lesen muss. Mit Blick auf die Beziehungsebene sind klare Sätze also auch ein Ausdruck von Höflichkeit.

Aber auch mit dem Business-Blick kann ich dem kurzen und klaren Stil viel abgewinnen: Meine Sätze werben für mein Anliegen. Wenn sich Empfängerin oder Empfänger beim Lesen quälen müssen, drohen Ärger - und Gefahr. Denn vielleicht formuliert die Konkurrenz ja so, dass das Lesen eine Lust ist.  


Für Sie nachgelesen

"Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer Behörde - und auch wir Politiker selbst - gewinnen an Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit, wenn wir auch schwierige Zusammenhänge nachvollziehbar machen und transparent darstellen" - dies schreibt der bayerische Innenminister Günther Beckstein im Vorwort einer Handreichung seines Hauses zum verständlichen Schreiben:

Freundlich, korrekt und klar
Bürgernahe Sprache in der Verwaltung
kostenlose PDF-Datei im Internet unter www.stmi.bayern.de/service/publikationen/

Auf 70 Seiten erörtern die Autoren Themen wie Stil, Verständlichkeit undäußere Form - jeweils mit Gruselsätzen und Vorschlägen für verständlichere Formulierungen. Im Kapitel "Stil" heißt es: "Seien Sie sparsam mit langen Sätzen. Je länger ein Satz ist, desto übersichtlicher muss er gegliedert werden. Stellen Sie den Hauptsatz mit den wichtigsten Aussagen voran."
Aus Sicht des Ministers nützt gute Sprache allen Beteiligten: "Das ist Service für die Bürgerinnen und Bürger - aber auch ein Dienst an uns selbst. Denn wir sparen uns letztendlich zeitaufwendige Rückfragen oder verärgerte Anrufe."

 

 

Guten Tag! [März 2007]

Guten Tag!

Heute nimmt Sie der cleartext-Newsletter mit in die Welt der Sprachpäpste. Selbst dort gibt es keine Unfehlbarkeit. Und dennoch: In Zeiten von Zügellosigkeit bei Wort und Grammatik können Sprachpäpste ein Segen sein. Dazu unser Buchtipp.

Mit besten Grüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Ich "(Das Buch) 'Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod' hat zumindest bewiesen, dass es heute nicht nur Bücher, in denen Popstars mit ihren Kollegen oder Ex-Geliebten abrechnen, in die Sachbuch-Bestsellerlisten schaffen."

Recht hat er, der Erfolgsautor Bastian Sick. Sein Buch schaffte es bis auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste und hält sich beharrlich unter den ersten zehn. Doch an Sicks Resümeesatz ließe sich noch feilen:

"(Das Buch) 'Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod' hat zumindest eines bewiesen: In die Sachbuch-Bestsellerlisten schaffen es heute nicht nur Bücher, in denen Popstars mit ihren Kollegen oder Ex-Geliebten abrechnen."

Oder - ohne Verneinung:

"(Das Buch) 'Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod' hat zumindest eines bewiesen: In die Sachbuch-Bestsellerlisten schaffen es heute auch andere Bücher als die, in denen Popstars mit ihren Kollegen oder Ex-Geliebten abrechnen."

Ohne Knoten im Satz formulieren - so funktioniert es:

Klare Satzstruktur schaffen: Im Ausgangssatz ist das Akkusativobjekt extrem verklausuliert. Die Antwort auf die Frage "Was hat das Buch bewiesen?" ist ein kompletter Nebensatz. Dieser Nebensatz ist zudem durch einen langen Einschub unterbrochen. Und die "nicht-nur"-Konstruktion macht ihn noch komplizierter.

Geben wir also dem Hauptsatz ein vorläufiges Objekt: "Das Buch hat zumindest eines bewiesen". Damit kann der Satz mit einem Doppelpunkt zwischenlanden. Jetzt setzen wir neu an mit einem eigenständigen Hauptsatz. Den führen wir zu Ende und hängen den ursprünglichen Einschub hinten dran. Voilà!

Punkt zwei: weg mit der "nicht-nur"-Konstruktion. Nach einem "nicht nur" erwarte ich ein "sondern auch". Bei Sick schwingt dies nur mit. Dazu kommt: Sätze mit einer Ja-Aussage sind oft klarer als Sätze mit einer Nein-Aussage. Also gehe ich direkt auf die "sondern-auch"-Seite: In die Bestsellerlisten schaffen es auch andere Bücher als die aus der Kategorie Trashliteratur.

 


Tipp des Monats

Einmal mehr heißt das Zauberwort "portionieren": Ich teile einen komplexen Sachverhalt in leicht verständliche Happen. Am besten in eigenständige Hauptsätze. Wo dies nicht geht, setze ich den Nebensatz immer ans Ende.

Der verständlichste Satz ist der einfache Hauptsatz. Solche Sätze müssen nicht langweilig sein. Wenn ich die klassische Abfolge Subjekt-Prädikat-Objekt durchbreche, können einfache Hauptsätze sehr lebendig sein. "Auf den Knien hat er mich angefleht. Geglaubt habe ich ihm trotzdem nicht."

Aus Sicks Schachtelsatz wurde ein klar portionierter Kettensatz. Die Argumentation ist nirgends unterbrochen. Der Verständlichkeit tut das gut.


Für Sie nachgelesen

"Auch in diesem Buch geht es wieder um die Wunder der Grammatik, vor allem um die blauen Wunder, die man mit ihr erleben kann" schreibt Bastian Sick im Vorwort seines zweiten Kolumnen-Bandes. Aus dem Inhalt: Wie steigert man "doof"? Am Montag, dem oder den? Die Sauna ist angeschalten! Dazu ein Kapitel über Sprach- und Design-Verirrungen in der weiten Welt der E-Mails.

Freundlich, Bastian Sick: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod (Folge 2) Neues aus dem Irrgarten der deutschen Sprache
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005 KiWi-Taschenbuch 900 ISBN 3-462-03606-8 8.95 Euro

Wer Band eins gelesen hat, dem mag Sicks Vorgehen bekannt vorkommen. Und bisweilen wirkt die Sezierkunst des Autors nicht mehr so prickelnd. Doch über weite Strecken bleibt Sick unterhaltsam. Und lehrreich ist er allemal.

 

 

 

Guten Tag! [April 2007]

Guten Tag!

Heute nimmt Sie der cleartext-Newsletter mit in ein dunkles
Kapitel Bundesrepublik. Die RAF-Debatte wühlt bei Betroffenen
Leid und Schrecken wieder auf. Und der Staat reagiert mitunter
hölzern. Dass er auch anders kann, zeigt unser Buchtipp.

Mit besten Grüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Ichdarf Ihnen versichern, dass dem Bundespräsidenten das Leid und die Schmerzen, die Sie wie alle Angehörigen der Opfer durch die Verbrechen der RAF erfahren haben und die Sie gegenwärtig durch die äußerst intensive Diskussion in der Öffentlichkeit einmal mehr durchleben müssen, sehr bewusst sind."

Dies schrieb ein hoher Vertreter des Bundespräsidialamts jüngst einer
Polizistenwitwe, deren Mann einst von RAF-Terroristen erschossen wurde. Die Frau hatte den Bundespräsidenten aufgefordert, Christian Klar nicht zu begnadigen, denn "wir weinen heute nicht minder um unseren Mann und Vater". - Amtsträger müssen oft mit Leid umgehen. Aber wie antworten?

"Der Bundespräsident kann sich vorstellen, was die Debatte um eine Begnadigung Christian Klars bei Ihnen auslöst. Die Ermordung Ihres Mannes und die schreckliche Zeit danach sind wieder so nah, als wäre es gestern gewesen. Sie durchleben alles aufs Neue. Ich versichere Ihnen: Dem Bundespräsidenten ist dies bewusst.

Betroffene klar und unverstellt ansprechen - so funktioniert es:

Klare Satzstruktur schaffen: Der Ausgangssatz ist mit 45 Wörtern extrem lang. Die zentrale Aussage ist im Nebensatz versteckt: "...dass dem Bundespräsidenten das Leid und die Schmerzen ... bewusst sind." Dieser Nebensatz ist unterbrochen durch einen Relativsatz mit 30 (!) Wörtern. Das macht das Ganze sehr sperrig.

Gehen wir also schrittweise vor und teilen die Ebenen auf. In einem ersten Satz führen wir den Bundespräsidenten ein. Dann wechseln wir auf die Seite der Absenderin und benennen das Thema - zweiter und dritter Satz. Im vierten gehen wir zurück auf die Seite des Präsidenten und fassen das Ganze zusammen.

Bei diesem Brief geht es aber nicht nur um die Satzstruktur, sondern auch um den Inhalt: Was genau schreibe ich bei diesem aufwühlenden Thema?

Anstatt die Absenderin gleich im ersten Satz frontal anzugehen ("Ich darf Ihnen versichern ...") sprechen wir zunächst von uns: "Der Bundespräsident kann sich vorstellen ...". Diese Behauptung müssen wir dann aber belegen. Konkret. Kein"wie alle Angehörigen der Opfer ...". Diese Frau hat ihren persönlichen Schmerz an den Präsidenten herangetragen. Und wir sollten ihr persönlich antworten.

 


Tipp des Monats

Vor allem bei emotional aufgeladenen Themen gilt für mich: Vor dem Antworten steht das Zuhören. Was sagt der andere? Was steht vielleicht unausgesprochen dahinter? Was mag er oder sie fühlen? Wenn ich das in klaren und einfachen Worten zurückspiegele, zieht mein Gegenüber vielleicht den Schluss: Der versteht mich. Nur dann wird er andere offen sein für das, was ich sagen will - oder muss.

Oder: Gehen Sie gedanklich auf die andere Seite. Wenn Sie diese Frau wären: Wie würden Sie angesprochen werden wollen? Wie auf gar keinen Fall? Worauf würden Sie allergisch reagieren? - Dann erledigen sich vielleicht Formulierungen wie "Ich darf Ihnen versichern", das allgemeine "Leid und Schmerzen", das "sehr bewusst".


Für Sie nachgelesen

"Minimalziele der Kommunikation zwischen Verwaltung und BürgerInnen: Vertrauen, Anerkennung, Respekt, Wir-Gefühl und Kooperationsbereitschaft dürfen nicht beschädigt werden" - dies sollten Behörden bei Briefen bedenken. Ein Plädoyer für eine Verwaltungssprache, die den Menschen zugewandt ist.

Helmut Ebert Handbuch Bürgerkommunikation
Moderne Schreibkultur in der Verwaltung -
der Arnsberger Weg  

LIT-Verlag Berlin 2006   ISBN 3-8258-8757-x   29,90 Euro

Aus dem Inhalt: "Was macht ein Text im Kopf der LeserInnen?". "Leitlinien der Höflichkeit". "Glaubwürdigkeit und Vertrauen". Arnsbergs Bürgermeister Hans-Josef Vogel schreibt dazu: "Das Projekt 'Verständliche Verwaltung' ist Teil der Strategie einer Stadt, die Bürgerinnen und Bürger als 'Kunden' der Verwaltung ernst zu nehmen und ihre bürgerschaftliche Teilhabe ... zu unterstützen."

 

 

Guten Tag! [Mai 2007]

Guten Tag!

Heute nimmt Sie der cleartext-Newsletter mit in die Welt der
Nachrufe. Ein langes und verdienstvolles Leben soll gewürdigt
werden. Aber - pardon - die Sätze dürfen trotzdem kurz sein.
Einen überraschend jung Gebliebenen stellt unser Buchtipp vor.

Mit besten Grüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Die über Jahrzehnte andauernde Wirkung Druckers und seine Fähigkeit, bis ins hohe Alter (er kannte keinen Ruhestand) dem Puls der Zeit stets voraus zu sein, führen viele Freunde und Schüler vor allem auf Druckers intellektuellen Tiefgang zurück, der weit über die Felder Wirtschaft und Management hinausreichte."

Dies schrieb eine Zeitschrift zum Tod des Management-Vordenkers Peter F. Drucker. Er wurde fast 96 und war in der Tat ein ungewöhnlicher Mann. Schade, dass dies in einem Schachtelsatz versteckt ist. Also vielleicht so:

"Druckers Gedanken und Theorien wirkten über Jahrzehnte. Er kannte keinen Ruhestand und war bis ins hohe Alter dem Puls der Zeit immer voraus. Den Grund für dieses Phänomen sehen Freunde und Schüler vor allem in Druckers intellektuellem Tiefgang. Er reichte weit über Wirtschaft und Management hinaus."

Komplexes sortieren - so funktioniert es:

Der Originalsatz ist mit 46 Wörtern extrem lang. Und er hat zwei Themen: eine Beschreibung von Druckers Wirken - und eine Analyse aus der Sicht derer, die ihn kannten. Wenn ich beides in einen Satz packe, erschlägt ein Aspekt den anderen.
Auch von der Grammatik her haben wir ein Problem: Das Akkusativobjekt ist sehr verschachtelt. "Was führen sie auf Druckers intellektuellen Tiefgang zurück?" - Die Antwort auf diese Frage umfasst zwei Zeilen samt Nebensatz und Klammer.

Die Lösung heißt auch hier: portionieren. In einem ersten Schritt benennen wir die ungewöhnliche Tatsache, dass Drucker über Jahrzehnte Vordenker war. Das sind die ersten beiden Sätze. Dann kommt die Analyse. Im Übergang bündeln wir das bisher Geschriebene nochmals in dem Begriff "dieses Phänomen". Der vierte Satz könnte auch als Relativsatz am dritten hängen. Solo wirkt er aber stärker.

So werden aus einem Schachtelsatz vier ungegliederte Haptsätze. In der Summe haben sie 46 Wörter - also exakt so viele wie der Ausgangssatz.

 


Tipp des Monats

Wir sind oft versucht, zu viel in unsere Sätze zu packen. Vor allem dann, wenn wir einen inhaltlichen Zusammenhang herstellen wollen: wenn-dann, zwar-aber, weil-deshalb, gestern-heute. Das macht diese Sätze lang und verschachtelt.

Lösen Sie sich von der Vorstellung, dass der Zusammenhang innerhalb eines einzigen Satzes deutlich werden muss. Formulieren Sie zunächst einen Aspekt. Dann machen Sie einen Punkt. Und jetzt formulieren Sie den zweiten Aspekt.
Scharnier-Wörter schaffen eine Brücke zum vorangehenden Satz und machen den inhaltlichen Zusammenhang deutlich: "Als Folge davon", "Deshalb", "In diesem Fall" - oder, bei Peter F. Drucker: "Den Grund für dieses Phänomen".


Für Sie nachgelesen

"Schreibe, wie Du sprichst! Schreibe verständlich! Schreibe knapp!" - Diese Grundsätze formulierte der Autor vor mehr als 50 Jahren. Und doch ist dieses Buch jung geblieben. Es benennt häufige Stilfehler und entwickelt Stilregeln - von "Hauptsachen gehören in Hauptsätze" bis "Verben statt Hauptwörtern".

Ludwig Reiners: Stilfibel
Der sichere Weg zum guten Deutsch

34. Auflage 2005. Deutscher Taschenbuch Verlag, München
dtv 30005      ISBN 3-423-30005-2      10.00 Euro

An einigen Stellen merkt man dem Buch das Geburtsjahr 1951 an. Reiners gibt Tipps zum sparsamen Umgang mit Schreibmaschinenpapier, und er vermittelt seine Stilregeln mit unverkennbarem pädagogischem Impetus. Dabei greift er auch zu drastischen Worten: "Wenn Sie keinen (Charakter) haben, wenn Sie schon im voraus wissen, dass Sie vom dritten Kapitel an
nur so dahinschlampen werden, dann hat es keinen Sinn, mit der Arbeit anzufangen. Ich kann Ihnen dann nur den guten Rat geben: Verbrennen Sie das Buch. Sie verlieren sonst zu Ihrem Geld auch noch Ihre Zeit."

 

 

Guten Tag! [Juni 2007]

Guten Tag!

Heute nimmt Sie der cleartext-Newsletter mit in die Welt der
Grußworte. Auch hier kann es den Leser bisweilen gruseln.
Der Grund sind nicht Schachtelsätze, sondern wichtig klingende
Worthülsen. Praktische Abhilfe bietet Ihnen unser Buchtipp.

Mit besten Grüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Die Backnanger Kreiszeitung verkörpert beispielhaft die speziellen Vorteile einer modernen und heimatbezogenen Tageszeitung. Sie überzeugt durch Vielfalt und Aktualität, durch Kompetenz und Seriosität. Kein Wunder, dass sie sich einer so hohen Akzeptanz erfreut."

Dies schrieb der baden-württembergische Ministerpräsident Günther
Oettinger jüngst zum 175-jährigen Bestehen der Lokalzeitung meiner
Heimatstadt Backnang. Das heißt, er schrieb es vermutlich nicht selbst,
sondern er ließ es schreiben. Das Ergebnis ist blutleer und formelhaft.

Dass es auch anders geht, zeigt ein zweites Grußwort. Bundespräsident
Horst Köhler hatte 1953 als Flüchtlingskind kurz in Backnang gelebt.

"Durch die Backnanger Kreiszeitung erfahren die Bürger, was in ihrer Stadt und
in ihrer Region passiert. Was tut sich im Rathaus? Wann kommt die neue
Straße? Was gibt es Neues von der SG, was von der TSG? Auf all diese Fragen
finden Sie in Ihrer Regionalzeitung Antworten."

Ohne Worthülsen formulieren - so funktioniert es:

Auch der Bundespräsident hat sein Grußwort höchstwahrscheinlich nicht selbst
geschrieben. Aber er hatte entweder einen besseren Grußwortschreiber, oder er
hat diesen besser gebrieft: Schreiben Sie das, was die Leute betrifft. Sprechen
Sie die Kommunalpolitik an, den Straßenbau und vor allem den Sport. Schauen
Sie nach, wie die Backnanger Sportvereine heißen. Und dann nennen Sie sie.

Auch wenn dieses Gespräch so nicht stattgefunden hat: Die beiden Grußworte
könnten unterschiedlicher nicht sein. Das eine ist ein gestanzter Computertext.
Es ist abstrakt und wirkt beliebig. Das andere ist konkret und wirkt persönlich.

Auch der Blick auf die Grammatik zeigt große Unterschiede. Bei Oettinger ist die
"Kreiszeitung" Subjekt im Satz, bei Köhler sind es die "Bürger". Bei Oettinger ist
das Prädikat ein gestelztes "verkörpert", bei Köhler ein konkretes "erfahren".
Und der Bundespräsident spricht die Leser direkt an: "Sie finden Antworten".

 


Tipp des Monats

"Hauchen Sie Ihren Sätzen Leben ein" sage ich in meinen Schreibseminaren.
Und ich nenne zwei Regeln, wie dies funktioniert: "Konkret ist besser als abstrakt" und "Ein Beispiel ist Gold wert". Beide Regeln sind bei Köhler erfüllt.

Beim Schreiben heißt dies für mich: Was für Wörter stehen in meinem Satz? Sind sie anschaulich und konkret oder sind sie es nicht? Falls meine Wörter abstrakt sind: Was genau will ich hier sagen? Was heißt "heimatbezogen" bei Oettinger? Was meint er mit "Vielfalt"? Wie genau sieht "Akzeptanz" aus?

Ein Beispiel ist Gold wert. Oder eine Person, die beispielhaft für mein Thema steht. Die den Leser an die Hand nimmt und durch die Geschichte führt. Ich darf eine solche Person sogar erfinden - wenn ich dies deutlich mache.

Je konkreter ich schreibe, desto weniger laufe ich Gefahr, mich in Floskeln zu verlieren - oder als Politiker in Sonntagsreden. Backnangs Oberbürgermeister entschied sich in seinem Grußwort indes für die Abteilung Oettinger:

"Die Backnanger Kreiszeitung ist in 175 Jahren auch so etwas wie ein mediales Bollwerk geworden, das sich trotz aller Unbillen der historischen Zeitläufe und trotz des Aufkommens neuer und anderer Medien bis heute gut behauptet hat."

(PS: Falls Sie dieses Kleinod deutscher Alltagsprosa doch in Ihr Repertoire für einschlägige Anlässe aufnehmen wollen: Der Mann meinte "Unbilden".)


Für Sie nachgelesen

"Fertigphrasen sind wie Tütensuppen und Instant-Kaffee: schnell zur Hand, wenn gerade nichts Besseres im Haus ist" - Dies schreibt eine Frau, die sich mit dem Thema Texten auskennt. Doris Märtin ist unter anderem Trainerin und Beraterin in den Bereichen Kommunikation und Schreiben. Und sie hat ein Buch geschrieben, das für mich zu den besten gehört, die es auf diesem Gebiet gibt:

Doris Märtin:
Erfolgreich texten
Voltmedia Verlag Paderborn
ISBN 3-938478-80-2    8,95 Euro

Lesbarkeit, Schreibprozess, Stilistischer Werkzeugkasten, Textsorten - Doris Märtin geht diese Baustellen ganz konkret an. Bringt Gruselsätze und zeigt Alternativen auf. Sie stellt dem Leser Aufgaben - und sie macht Mut: "So wie jeder lernen kann, sicher Auto zu fahren, so kann auch jeder lenen, verständlich zu schreiben - nicht von heute auf morgen, aber Schritt für Schritt."

Guten Tag! [Juli 2007]

Guten Tag!

Zum Auftakt der Feriensaison macht der cleartext-Newsletter
eine Reise in die Welt der neuen Langsamkeit. "Downshifting"
gilt als Ausweg für Erschöpfte. Wir beginnen schon mal mit den
Satzlängen. Eine zweite Wegmarke setzt dann unser Buchtipp.

Mit besten Sommergrüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Das Phänomen greift seit Jahren um sich und scheint zunehmend populär zu werden. Die Frage ist dennoch, ob es sich beim Downshifting, das man beinahe wörtlich übersetzen kann ("Herunterschalten" im Sinne des beruflichen Kürzertretens - auch um den Preis eines geringeren Einkommens), ob es sich
dabei nur um einen individuellen Spleen oder um relevantes Sozialverhalten handelt."

Der erste Satz ist in Ordnung. Der zweite ist dagegen vollgepackt wie
der Terminkalender eines gestressten Managers. Doch das ürzertreten
beginnt mit dem Loslassen. Kleinere Schritte machen. Also vielleicht so: 

"Das Phänomen greift seit Jahren um sich und scheint zunehmend populär zu werden. "Downshifting" meint das Herunterschalten im Beruf. Das Tempo zurücknehmen. Kürzertreten - auch um den Preis eines geringeren Einkommens.
Die Frage ist allerdings: Ist dieses Downshifting nur ein Spleen Einzelner oder markiert es eine Art Zeitenwende in unserem beruflichen Rollenverhalten?"

Entspannt formulieren - so funktioniert es:

Die zentrale Aussage unseres Problemsatzes besteht aus einer Frage: Ist Downshifting eine persönliche Macke oder ein neues Rollenmuster? Diese Frage ist allerdings in einem "ob"-Nebensatz versteckt. Dieser wird unterbrochen durch einen Relativsatz - und in den ist zusätzlich eine Klammer eingebaut.

Mein erster Schritt ist deshalb: Weg mit der Unterbrechung der Frage. Die Definition von "Downshifting" bekommt einen eigenen Platz. Drei kurze Sätze.

Jetzt könnte der "ob"-Nebensatz ohne Unterbrechung durchlaufen: "Die Frage ist dennoch, ob es sich beim Downshifting nur um einen individuellen Spleen oder um relevantes Sozialverhalten handelt." Das liest sich schon wesentlich besser.
Ich sage aber: Hauptsachen gehören in Hauptsätze. Deshalb setze ich einen Doppelpunkt und packe die eigentliche Frage in einen separaten Hauptsatz.

 


Tipp des Monats

Machen Sie die Probe, ob Ihre Sätze verständlich sind. Geben Sie den Text jemand anderem zum Lesen. Am besten einem Laien. Wo der die Sirn runzelt oder nachfragt, bleiben später wahrscheinlich auch viele Leser hängen.

Eine gute Ergänzung kann sein: Lesen ihren Text laut. Wenn Sie innerhalb eines Satzes Luft holen müssen, dann ist dieser Satz zu lang. Versuchen Sie es einmal mit unserem Problemsatz. Kommen Sie ohne Luftholen durch? Eben.
Der Satz hat 38 Wörter. Das ist entschieden zu viel. Der Journalist in mir sagt: Irgendwo zwischen 15 und 20 Wörtern ist Schluss. Sie müssen das nicht so päpstlich sehen, aber jenseits von 20 Wörtern wird es schnell unverständlich.


Für Sie nachgelesen

"Über Monate nicht auf die innere Stimme zu hören, die einem das Wort 'PAUSE!' förmlich in den Leib brüllt, sondern vermeintlich diszipliniert weiterzuarbeiten, rächt sich halt. ... Wütend darüber, dass ich es so weit habe kommen lassen, bin ich immer noch! Aber ich habe auch endlich meiner inneren Stimmen wieder Beachtung geschenkt" - Dies schreibt ein Mann, dem die Überforderung einen Hörsturz und Gallenprobleme beschert hatte:

Hape Kerkeling:
Ich bin dann mal weg.
Meine Reise auf dem Jakobsweg
Malik Verlag           ISBN 3-89029-312-7    19,90 Euro

Ein Mann macht Pause. Auch wenn die etablierter Kritik das Buch zum Teil sehr von oben herab behandelt hat: Ich habe es mit Gewinn gelesen. Und ich fand es authentischer als Paulo Coelhos gefeierten Roman "Auf dem Jakobsweg".

Für Kerkeling war es offensichtlich keine Einmal-Erfahrung. Vor kurzem gab er eine längere Fernsehpause bekannt: "Ich ziehe mich jetzt erst mal zurück."
Auch seine Homepage weist Zeichen von Downshifting auf. In der Rubrik "Termine" wird ein Film angekündigt, der am 2. April 2006 ausgestrahlt wurde.

Wem 346 Seiten Kerkeling für den Sommerurlaub zu lang sind, für den kommt hier eine Kurzgeschichte in Sachen Downshifting: das Ende der Knut-Show im Berliner Zoo. Monatelang hatten sich der kleine Eisbär und sein Pfleger Thomas Dörflein einem Millionenpublikum präsentiert. Zwei Auftritte am Tag. Zum Schluss waren die Abnützungserscheinungen nicht mehr zu übersehen.

Jetzt hat die Show ein Ende, und die Stars gehen getrennte Wege. Wie das aussieht, hat sich Marcus Jauer in der "Süddeutschen Zeitung" so ausgemalt:
"Der Pfleger Thomas Dörflein schließt die Tür zum Bärengehege, geht in einen Park und macht sich ein Bier auf. ... Der Eisbär Knut verzieht sich in die Ecke seines Geheges, in der ihn niemand sehen kann, und macht sich ein Bier auf."

Guten Tag! [August 2007]

Guten Tag!

Zum Abschluss der Feriensaison macht der cleartext-Newsletter
eine Reise mit der Deutschen Bahn. Dort geht leider nicht immer
alles glatt - auch im anschließenden Entschuldigungsbrief. Ein
paar Verbesserungsvorschläge für die Bahn hätte unser Buchtipp.

Mit besten Grüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Es tut uns leid, dass Ihre Bahnreise nicht pünktlich verlief. Dafür entschuldigen wir uns. Leider können wir aufgrund der Komplexität des Bahnbetriebs und der Abhängigkeit vom reibungslosen Funktionieren der vielfältigen technischen Komponenten unserer Fahrzeuge und Anlagen, aber auch wegen möglicher Außeneinflüsse Zugverspätungen nicht vermeiden."

Die ersten beiden Sätze sind in Ordnung. Kurzzüge, klar und schnörkellos. Dann aber folgt ein nicht enden wollender Güterzug mit undurchsichtiger Fracht. Öffnen wir also die Waggontüren und laden den Inhalt etwas um: 

"Wir sagen es offen: Zugverspätungen können wir nicht völlig auschließen. Für unsere Kunden schicken wir täglich 2000 Züge auf die Strecke. Bei der dichten Zugfolge kann schon ein einziger Signalausfall Folgen haben. Und Ihr Zug hatte wegen eines Sturms Verspätung. In diesen Fällen sind uns die Hände gebunden."    

Klar und verständlich formulieren - so funktioniert es:

Unser Problemsatz hat zwei Baustellen: Länge und Inhalt. Mit 30 Wörtern ist der Satz zu lang, und der Weg vom Subjekt "wir" zum Prädikat "nicht vermeiden" ist zu weit. Ein Satz ist dann leicht verständlich, wenn zwischen Subjekt und Prädikat maximal sechs Wörter stehen. Hier sind es 25. Dies überfordert unser Kurzzeitgedächnis, das wir beim Lesen als Zwischenspeicher benutzen.

Mein erster Schritt ist deshalb: Ich ziehe Subjekt und Prädikat zusammen und bilde aus dieser Kernaussage den ersten Satz. Dann kommt ein Punkt, und dann folgen die einzelnen Erklärungen. Insgesamt entstehen so fünf kurze Sätze.

Baustelle Nummer zwei sind die Inhalte: Der Originalsatz ist völlig abstrakt. Ein Außenstehender muss raten, was gemeint sein könnte. Hier orientiere ich mich am Grundsatz "konkret ist besser als abstrakt" und arbeite mit Beispielen.

 


Tipp des Monats

Wenn Sie einen Geschäftsbrief schreiben: Denken Sie vom Leser her.
Was will er wissen? Welches Vorwissen hat er, was können Sie voraussetzen, was müssen Sie erklären? Welche Begriffe, Sachverhalte, Zusammenhänge?

Und: Stellen Sie eine Beziehung her. Schreiben Sie "Wir" und "Sie", und machen Sie dieses Wörter zum Subjekt des Satzes. Vermeiden Sie Passivkonstruktionen.

Die "Wir"-Regel hat die Bahn berücksichtigt. Dennoch wirkt der Text seltsam zweigeteilt. Die ersten beiden Sätze atmen ein modernes Servicedenken, der dritte wirkt wie ein Relikt aus der Vorzeit. - Ob die Bahn hier eine alte Vorlage verwendet und diese mit zwei vorangestellten Sätzen aufgehübscht hat? 


Für Sie nachgelesen

"Legen Sie erklärende und komplizierte Passagen (eines Briefes) einem Testleser vor und lassen Sie sich von ihm erklären, wie er den Abschnitt versteht. So erkennen Sie, welche Aspekte Sie präzisieren und welche Zusammenhänge Sie deutlicher herausarbeiten müssen. Mit dem Rückerklär-Test stellen Sie sicher, dass der Text seine volle Wirkung entfaltet - auch bei einem Leser, der sich noch nicht so gründlich mit der Materie befasst hat wie Sie."

Dieser Tipp stammt aus einem Ratgeber zum Thema Schreiben, das mit
zahlreichen Beispieltexten arbeitet. Die Palette reicht vom Geschäftsbrief über einen Antrag bis zur Pressemitteilung. Alle Beispiele erscheinen doppelt: als "Gruseltext" und in einer überarbeiteten Form - samt Tipps und Kommentar.

Daniel Perrin/Nicole Rosenberger:
Schreiben im Beruf.
Wirksame Texte durch effiziente Arbeitstechnik
Cornelsen Pocket Business  ISBN 3-589-23440-7  
128 Seiten   6,95 Euro

Ein schmales Buch im handlichen Kleinformat. Es passt in jede Tasche und liest sich schnell. Anschaulich und mit konkreten Tipps behandelt das Autorenteam die einzelnen Schreibphasen: Ziel finden, Aufbau planen, Texten, Überarbeiten.

Guten Tag! [September 2007]

Guten Tag!

Der Euro hat die Marke von 1,40 Dollar bezwungen, und auch cleartext vermeldet einen Rekord: einen Gruselsatz mit mehr als 100 Wörtern. Sogar ich als Experte habe mir daran fast die Zähne ausgebissen. Ich wollte aber nicht kneifen. Neu im September: cleartext zum itmachen. Ich stelle Ihnen heute einen Extra-Gruselsatz vor, an dem Sie selbst feilen können. Einen Lösungsvorschlag mache ich dann im Oktober. 

Mit besten Grüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Sicher kann es nicht überraschen, dass sich der Chef, zumal wenn es sich um einen eher glücklos agierenden Bundesminister handelt, voll und ganz hinter bzw. vor seine Mitarbeiter stellt -, aber dass die Verlautbarungen aus dem BMVBS (Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung) zu diesem Komplex nur noch stereotyp aus den immer gleichen Textbausteinen kompiliert werden und nicht einmal, wie in vergleichbaren Fällen sonst üblich, auch nur die Möglichkeit einer suboptimalen Vermittlung/Kommunikation eingeräumt wird, ist angesichts der nahezu einhelligen Kritik am Vorgehen des Wasser- und
Schifffahrtsamts (WSA) sowie der Tatsache, dass dem Amt schon bald darauf eine Pressesprecherin verordnet wurde, absolut unbefriedigend."

Der Satz stammt aus einem Artikel in einer Berliner Stadtteilzeitung. Es
geht um den umstrittenen Plan des Wasser- und Schifffahrtsamts, am
idyllischen Landwehrkanal zahlreiche Bäume zu fällen, weil die Wurzeln
den Ufermauern zusetzen. Das Vorhaben stößt auf massive Proteste.
Mit der Dauer des Streits wächst die Polemik - und offenbar auch die
Länge der Sätze.  Also her mit der Säge. Zumindest hier auf dem Papier: 

"Bundesverkehrsminister Tiefensee stellt sich in diesem Streit voll hinter das Wasser- und Schifffahrtsamt. Das ist nicht überraschend, zumal bei einem eher glücklos agierenden Minister wie ihm. Absolut unbefriedigend sind dagegen die Stellungnahmen aus seinem Haus. Sie wirken wie vom Fließband: immer die gleichen Textbausteine. Das Ministerium unternimmt nicht einmal ansatzweise den Versuch, in der Sache zu vermitteln. Und das in einer Situation, in der das Wasser- und Schifffahrtsamt von fast allen Seiten massiv in der Kritik steht.
Die einzige Reaktion bisher: Das Amt bekam eine Pressesprecherin verordnet."

Klar und verständlich formulieren - so funktioniert es:

Unser Problemsatz ist monströs lang: 102 Wörter. Dazu kommt: Er ist extrem verschachtelt. Eigentlich sind es zwei Hauptsätze, verbunden mit dem "aber" in Zeile drei. Schon der erste Teil ist problematisch. In dem Wort "es" hat er ein wenig aussagekräftiges Subjekt. Inhaltlich konkretisiert wird dieses "es" in dem "dass"-Nebensatz, der aber durch den "zumal"-Einschub zerrissen wird.

Der zweite Hauptsatz steigert die Verwirrung. Der eigentliche Satzkern hieße: "Es ist absolut unbefriedigend". Das "Es" steht aber so nicht da. Die Rolle des Subjekts übernimmt der Fünf-Zeilen-Nebensatz von "dass die Verlautbarungen" bis "eingeräumt wird". Dann kommt der erste Verbteil "ist" und weitere drei Zeilen später schließlich die entscheidende Aussage "absolut unbefriedigend".

Beim neu Formulieren halte ich mich zunächst an eine zentrale Regel des klaren und verständlichen Schreibens: portionieren. Aus einem Satz werden sieben. Der kürzeste hat neun Wörter, der längste 20. Insgesamt sind es 87 Wörter - 15 weniger als im Ausgangssatz. Dies zeigt: Wenn ich lange Sätze portioniere, wird der Gesamttext nicht zwangsläufig länger.

Dann wende ich noch eine zweite Regel an: Hauptsachen in Hauptsätze. Ein Text ist schwer veständlich, wenn man zentrale Aussagen in Nebensätzen versteckt - in unserem Fall in "dass"-Sätze. Ich packe diese Informationen jeweils in einen Hauptsatz: Tiefensee stellt sich hinter das kritisierte Amt.
Und: Die Stellungnahmen aus seinem Haus sind absolut unbefriedigend.

 


Tipp des Monats

Ein Wort noch zum Thema "Portionieren". Am verständlichsten ist ein Text, wenn ich jedem Gedanken einen eigenen Satz gebe. Dann kommt ein Punkt. Und dann der nächste Gedanke. Der verständlichste Satz ist der ungegliederte Hauptsatz. Haben Sie keine Scheu vor kurzen Sätzen! Diese Sätze müssen nicht langweilig klingen. Lösen Sie sich im Satz von der klassischen Abfolge Subjekt-Prädikat-Objekt. Ein Satz kann auch ohne Verb auskommen, oder Sie stellen es an den Anfang. In meinem Lösungsvorschlag finden Sie diese Möglichkeit im dritten Satz: "Absolut unbefriedigend sind dagegen ..." Wenn Sie die Wortstellung im Satz variieren, wirken auch kurze Sätze lebendig.  

 


Neu: cleartext zum Mitmachen

"Ein wunderschönes Novellenthema. Doch ein verschenktes Buch. Man muss es also in der Möglichkeitsform lesen und sich auf jeder Seite vorstellen, wie es wäre, wenn der begabte Erzähler Pascal Mercier diese Geschichte von Lea, dem Mädchen, das von der lähmenden Trauer nach dem Tod der Mutter über das Hochgefühl des Geigenspiels in Wahnsinn und Tod endet, tatsächlich in die straffe Form der Novelle gebracht hätte."

Mit diesen Sätzen beginnt im Feuilleton einer großen Tageszeitung die Kritik zu Merciers neuem Buch "Lea". Die ersten beiden Sätze sind in Ordnung - und weil ich oben gerade davon sprach: Es sind Sätze ohne Verb. - Aber dann kommt unser Problemsatz: 58 Wörter, viele Schachteln.

Wenn Sie mögen: Bauen Sie diesen Satz neu. Mehr dazu dann im Oktober.

 


Für Sie nachgelesen

"Kurt Tucholsky hat Rednern geraten, sich auf Hauptsätze zu beschränken. 'Hauptsätze! Hauptsätze! Hauptsätze!', forderte er. Denn Hauptsätze sind kurz, leicht verständlich und kraftvoll. Viele weltbekannte Texte bestehen ausschließlich aus Hauptsätzen. Zum Beispiel dieser:" (und dann folgt die Schöpfungsgeschichte: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. ...)

Dieser Tipp stammt aus einem kleinen Ratgeber, der gleich zu Beginn eine klare Ansage macht: Verständlich schreiben ist eine Schlüsselkompetenz. In vielen Berufen ist es inzwischen gefragt, und es ist wichtiger denn je.

Markus Reiter/Steffen Sommer:
Perfekt schreiben
Hanser Pocket Power 
ISBN 3-446-40510-0   116 Seiten   5,90 Euro

Klar und schnörkellos benennen die sieben Kapitel die zentralen Baustellen: Warum gute Texte wichtig sind - Immer an die Leser denken - So schreiben Sie Klardeutsch - Weg mit den Marotten - Die Kunst des ersten Satzes - Der Aufbau von Texten - Fünf Praxistipps gegen Schreibhemmung.

Das Buch ist kaum größer und schwerer als eine Tafel Schokolade. Ein
Taschenbuch im wahrsten Sinn des Wortes. Sehr empfehlenswert.

 

Guten Tag! [Oktober 2007]

Guten Tag!

Die Tage werden derzeit von selbst kürzer, bei den Sätzen müssen wir etwas dafür tun - heute mit der Auflösung zur ersten Runde von "cleartext zum Mitmachen". Unser neuer Mitmachtext entführt Sie in die Welt der Badezimmer. Und im Tipp des Monats geht es um die neue Rechtschreibung.

Mit besten Grüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Ein wunderschönes Novellenthema. Doch ein verschenktes Buch. Man muss es also in der Möglichkeitsform lesen und sich auf jeder Seite vorstellen, wie es wäre, wenn der begabte Erzähler Pascal Mercier diese Geschichte von Lea, dem Mädchen, das von der lähmenden Trauer nach dem Tod der Mutter über das Hochgefühl des Geigenspiels in Wahnsinn und Tod endet, tatsächlich in die straffe Form der Novelle gebracht hätte."

Novellen sollen sich durch Klarheit und Kürze auszeichnen. Auf den
"Lea"-Kritiker hat dieses Prinzip nicht abgefärbt. Hinter einen dichten
Einstieg packt er einen mehrfach verschachtelten Mammutsatz.

Versuchen wir also, die einzelnen Stränge etwas zu entwirren.

"Ein wunderschönes Novellenthema. Doch ein verschenktes Buch. Man muss sich also auf jeder Seite vorstellen, was möglich gewesen wäre. Wie sähe das Buch aus, wenn der begabte Erzähler Pascal Mercier diese Geschichte tatsächlich in die straffe Form der Novelle gebracht hätte: Das Mädchen Lea verfällt nach dem Tod der Mutter in eine lähmende Trauer, erlebt dann das Hochgefühl des Geigenspiels und endet schließlich in Wahnsinn und Tod.

Klar und verständlich formulieren - so funktioniert es:

Unser Problemsatz hat 58 Wörter. Ab 20 Wörtern leidet die Verständlichkeit. Und: Die zentrale Aussage ist in einem "wenn"-Nebensatz versteckt. Das dazugehörige Verb "gebracht hätte" kommt erst drei Zeilen später - hinter einem weiteren Nebensatz, der in Kurzform die Handlung des Buchs referiert.  

Meine Version folgt den Regeln des klaren und verständlichen Schreibens. Regel Nummer eins: portionieren. Aus einem Satz werden drei. Der längste hat stattliche 26 Wörter. Aber als Kettensatz mit weit vorn positionierten Verben ist er trotz dieser Länge noch leicht verständlich.

Regel Nummer zwei: Handlungsstränge entwirren. Im Ausgangssatz sind es drei: Man muss sich etwas vorstellen. Wie sähe das gelungene Buch aus?
Wovon handelt es? - Bei mir bekommt jeder Strang einen eigenen Satz.

Damit erfülle ich automatisch auch Regel Nummer drei: Hauptsachen
gehören in Hauptsätze. Ein Text ist schwer verständlich, wenn man die zentrale Aussage in einem Nebensatz versteckt - in unserem Fall in einer"wie-es-wäre,-wenn"-Konstruktion. Ich mache daraus eine direkte Frage:
Wie sähe das Buch aus, wenn Mercier daraus eine Novelle gemacht hätte? 

 


Tipp des Monats

Die jüngste Rechtschreibreform mit ihren diversen Nachbesserungen hat einiges an Verwirrung erzeugt. Auch ich weiß manchmal nicht, wie man ein bestimmtes Wort heute schreibt. Mein Rat: Achten Sie auf die korrekte Verwendung von -ss und -ß, denn hier fallen Fehler am ehesten auf. Die neuen ss/ß-Regeln sind: -ss immer nach kurzem Vokal (dass, Fass), -ß nach langem Vokal (Buße, Muße) oder nach Doppelvokal (beißen, reißen).

 


cleartext zum Mitmachen

"Nachdem alle Räume des Hauses ihre besondere Zuwendung erfahren
haben - im Zentum die Küche, die sich in Etappen zu einem Werkraum für genussmittelnahe Verfahrenstechnik entwickelt hat - durfte das Bad nicht länger zurückbleiben.
Dass wir in dem Moment die Lust am Wasser entdecken, wo 1,2 Milliarden Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser leben und 2,7 Milliarden ohne Abwasserentsorgung auskommen müssen, darf uns nicht aufhalten."

Diese Sätze stehen in einem Zeitungsartikel über die Geschichte des
Badezimmers und über die wachsende Lust an Baddesign und Badeluxus. Wenn Sie mögen: Bauen Sie die Sätze neu.
Mehr dazu dann im November.

 


Für Sie nachgelesen

"Der erste Satz in einem Geschäftsbrief sollte - ebenso wie in einer
Geschichte oder einem Zeitungsartikel - Interesse wecken, neugierig
machen auf den Rest oder zumindest etwas Relevantes mitteilen.
Wiederholen Sie nicht Informationen, die bereits im Betreff stehen.
Stellen Sie nicht Selbstveständliches fest ("Hiemit bewerbe ich mich").
Beginnen Sie nicht mit eine Floskel ("Bezugnehmend auf ...")."

Gaby Neumayer/Ulrike Rudolph:              
Geschäftskorrespondenz von A bis Z
Kreativ und professionell Briefe,
Faxe und e-Mails schreiben

Humboldt-Verlag  2000    ISBN 3-7081-9974-X  
174 Seiten    10,50 €

Alphabetisch geordnet enthält der Ratgeber 200 Stichworte rund um
das Thema Geschäftsbriefe und E-Mails. Von A wie Abkürzungen über
E wie Entschuldigung bis Z wie Zwischenbescheid. Ein kompaktes
Taschenbuch mit klarem Praxisbezug. Mein Urteil: Empfehlenswert.

 

Guten Tag! [November 2007]

Guten Tag!

Was gäbe es Schöneres in diesen Novembertagen als ein heißes Bad? Im letzten Mitmach-Text hatte ich Ihnen schon mal das Wasser eingelassen. In der neuen Runde von "cleartext zum Mitmachen" blicken wir auf die große Politik. Und im Tipp des Monats geht es um heikle Geschäftsbriefe.

Mit besten Grüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Nachdem alle Räume des Hauses ihre besondere Zuwendung erfahren
haben - im Zentrum die Küche, die sich in Etappen zu einem Werkraum für genussmittelnahe Verfahrenstechnik entwickelt hat - durfte das Bad nicht länger zurückbleiben.
Dass wir in dem Moment die Lust am Wasser entdecken, wo 1,2 Milliarden Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser leben und 2,7 Milliarden ohne Abwasserentsorgung auskommen müssen, darf uns nicht aufhalten."

Die Verfasserin dieser Sätze dreht alle Hähne auf einmal auf - und
auf den Leser prasselt und rieselt es aus allen Düsen und Rohren.
Das Ergebnis: eine mentale Überschwemmung. Weniger wäre mehr:

Nach und nach erfuhren alle Räume des Hauses ihre besondere Zuwendung. Im Mittelpunkt stand die Küche. In Etappen entwickelte sie sich zu einem Werkraum für genussmittelnahe Verfahrenstechnik. Angesichts dieser Entwicklung durfte das Bad nicht länger zurückbleiben.

 
Die Lust am Wasser entdecken wir in einem Moment, in dem 1,2 Milliarden Menschen ohne sauberes Trinkwasser leben und 2,7 Milliarden ohne Kanalisation auskommen müssen. Doch das darf uns nicht aufhalten.

Klar und verständlich formulieren - so funktioniert es:

Die Ausgangsversion beginnt jeweils mit einem Nebensatz: mit "Nachdem" und mit "Dass". Dann folgt ein Einschub mit einer detailreichen Erklärung. Erst ganz am Ende kommt der Hauptsatz, also der eigentliche Satzkern: Das Bad durfte nicht länger zurückbleiben. Das darf uns nicht aufhalten. 

Bis ich als Leser zu dieser Kernaussage vorstoße, muss ich mich durch mehr als 20 Wörter kämpfen. Unser Lese-Kurzzeitgedächtnis umfasst aber maximal sechs Wörter. Das heißt: Am Satzkern angekommen habe ich einen Teil des Vorangegangenen schon wieder vergessen. Das macht solche Sätze sperrig.

Durch Portionieren wird das Ganze klarer. Im ersten Fall trenne ich die
Zeitebenen und erzähle die Geschichte chronologisch: ein Raum nach dem anderen. Im Mittelpunkt die Küche. Dort passierte das und das. Und jetzt also das Bad. Es bekommt einen eigenen Satz, ohne störendes Beiwerk.

Im zweiten Fall packe ich die Gleichzeitigkeit des eigentlich Unvereinbaren in einen Satz: wir hier im Überfluss, Milliarden Menschen unter völlig anderen Lebensbedingungen. Die ironische Bewertung bekommt einen eigenen Satz.

Und: Ich entschlacke Formulierungen. Aus "ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser" mache ich "ohne sauberes Trinkwasser". Aus "ohne Abwasserentsorgung" "ohne Kanalisation". Auch das macht die Sätze klarer. 

 


Tipp des Monats

Beim Umformulieren eines Gruseltextes orientiere ich mich an der Art, wie wir sprechen. Stellen Sie sich vor: Sie haben diesen Badezimmer-Artikel in der Zeitung gelesen und erzählen einem Freund oder einer Kollegin davon.
Sie machen dann keine Schachtelsätze mit "Dass"-Einstieg und Einschub. Sie erzählen einen Aspekt nach dem anderen. - Schreiben Sie auch so!

Manchmal haben Sie vielleicht den Eindruck: Meine Sätze sind zu
kompliziert. Aber ich weiß nicht, wie ich es anders formulieren soll. - Dann suchen Sie sich einen Zuhörer. Am besten jemanden, der das Thema nicht kennt - oder zumindest nicht so gut wie Sie. Erzählen Sie ihm oder ihr, was Sie geschrieben haben. Sie machen dann automatisch einfachere Sätze.

Oder geben Sie diesem Laien Ihren Text. Bitten Sie ihn oder sie, den Text durchzulesen und Ihnen dann den Inhalt zu erzählen. Der Laie wird eigene Sätze bilden, einfachere. - Vielleicht können Sie diese Sätze benutzen.

Beim Zuhören merken Sie auch, ob der andere den Text verstanden hat oder nicht. Wenn er oder sie den Sachverhalt falsch wiedergibt, heißt das für Sie als Verfasser: Der Text ist unklar oder zu kompliziert.

 


cleartext zum Mitmachen

"Zwei parallele Ereignisse, die in der Sache nichts miteinander zu tun
hatten, nämlich der Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967, der in der totalen
Niederlage der arabischen Armeen und der Besetzung weiterer arabischer Territorien durch das siegreiche Israel endete, und der gewaltsame Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der am 2. Juni 1967 bei der Auflösung einer Protestdemonstration gegen den zu einem Staatsbesuch in West-Berlin weilenden Schah von Persien von einem Polizisten in Zivil erschossen wurde, veränderten meine Haltung zu Israel."

Ein Satz mit stolzen 80 Wörtern. Er stammt von Joschka Fischer und steht in dessen neuem Buch "Die rot-grünen Jahre".

Wenn Sie mögen: Bauen Sie den Satz neu. Mehr dazu dann im Dezember.

 


Für Sie nachgelesen

"Orientieren Sie sich an der gesprochenen Sprache. Niemand sagt 'Dankend habe ich Ihr Geburtstagsgeschenk erhalten'. Wir sagen 'Danke!', und niemand hält dies für unhöflich. Aber diese umständliche Formulierung ist weiterhin Brief für Brief zu finden. ... Wie können Sie eine authentische, lebhafte Schriftsprache trainieren?" - Diese Frage stammt aus dem Buch  

Jörg Neumann:
Formulieren ohne Floskeln      
Geschäftskorrespondenz mit Pep und Persönlichkeit
Redline Wirtschaft 2006    ISBN 3-636-01348-3  
225 Seiten    9,90 €

Aus dem Inhalt: Weg vom Standardbrief! Angst vor dem weißen Blatt?
Kundenorientierte Briefe schreiben. Anrede und Schluss. E-Mail, Fax, SMS.

Ein ambitionierter Ratgeber mit vielen Aufgaben zum Selbstlernen, Tipps und Beispielbriefen. Dazu ein paar Ausflüge in die Forschung. - Neumann empfiehlt übrigens ein Diktiergerät: Erzählen Sie den Briefinhalt einer anderen Person, und zeichnen Sie dies auf. Dies ist Ihre Grundlage für den eigentlichen Brief.

Guten Tag! [Dezember 2007]

Guten Tag!

Kurz vor Jahresschluss haben Rückblicke Hochkonjunktur. Leider lauern hier Fallen. Im neuen cleartext-Gruseltext ist eine zugeschnappt. Und falls Sie noch ein besonderes Geschenk suchen: Unser Buchtipp wäre vielleicht etwas.
Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten und heute schon alles Gute für 2008 - im Beruf und für Sie privat.

Mit besten Grüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Zwei parallele Ereignisse, die in der Sache nichts miteinander zu tun
hatten, nämlich der Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967, der in der totalen
Niederlage der arabischen Armeen und der Besetzung weiterer arabischer Territorien durch das siegreiche Israel endete, und der gewaltsame Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der am 2. Juni 1967 bei der Auflösung einer Protestdemonstration gegen den zu einem Staatsbesuch in West-Berlin weilenden Schah von Persien von einem Polizisten in Zivil erschossen wurde, veränderten meine Haltung zu Israel."

In seinem neuen Buch blickt Joschka Fischer wortgewaltig zurück
auf seine politische Sozialisation. Zu wortgewaltig für einen Satz -
und für den Leser. Backen wir also etwas kleinere Brötchen:

Zwei Ereignisse in der zweiten Hälfte der 60er Jahre veränderten meine Haltung zu Israel. Beide geschahen fast zeitgleich im Juni 1967, hatten aber in der Sache nichts miteinander zu tun. Das erste war der Sechs-Tage-Krieg der Israelis, der in der totalen Niederlage der arabischen Armeen endete und in der Besetzung weiterer arabischer Gebiete.
Das zweite Ereignis war der gewaltsame Tod des Studenten Benno
Ohnesorg in West-Berlin. Ein Zivilpolizist erschoss ihn bei der Auflösung
einer Demonstration gegen den Staatsbesuch des Schahs von Persien.

Klar und verständlich formulieren - so funktioniert es:

Der Ausgangssatz ist ein Monstrum mit 80 Wörtern - unverdaulich durch seine Länge und die Konstruktion. Zwischen dem Subjekt "Zwei Ereignisse" und dem Prädikat "veränderten" liegen sechs Zeilen Zusatzinformationen.

Subjekt und Prädikat sind aber das Rückgrat jedes Satzes: Wer oder was? Und: Was geschieht? Ein Satz ist dann leicht verständlich, wenn Subjekt und Prädikat nahe beieinander stehen - und möglichst weit vorne im Satz. 

Deshalb ziehe ich zunächst Subjekt und Prädikat zusammen. Dies wird
mein erster Satz. Den sperrigen Aspekt der Gleichzeitigkeit ohne inneren Zusammenhang packe ich in einen eigenen Satz - Nummer zwei. Dann zähle ich die beiden Ereignisse auf - Satz drei und vier. Beim Sechs-Tage-Krieg packe ich die Detailinformationen in einen nachgestellten Nebensatz, bei Benno Ohnesorg in einen eigenständigen Satz - Nummer fünf. 

Aus einem Satz mit 80 Wörtern werden fünf mit insgesamt 84. Streiche ich das "fast zeitgleich" und das "in der Sache", dann wären es 79 Wörter.

Bei Umformulieren orientiere ich mich an diesen drei Schreibregeln:

  • Zwei kurze Sätze sind besser als ein langer
  • Im Satz muss zusammen, was zusammengehört
  • Erst der Hauptsatz, dann der Nebensatz

 


Tipp des Monats: Schärfen Sie Ihren Blick

Sie kennen das: Sie lesen einen Text, und er gefällt Ihnen. Er liest sich wie von selbst, und der Inhalt wird Ihnen auf Anhieb klar. Mit einem anderen Text müssen Sie sich mühen und einzelne Sätze sogar mehrmals lesen.

Schauen Sie genau hin: Was macht den einen Text klar und verständlich? Was macht den anderen sperrig? Hat der Autor seine Sätze überfrachtet? Sind sie zerrissen? Und was macht den ersten Text so verständlich? Die Länge der Sätze? Die Wortwahl? Wo sitzen Subjekt und Prädikat?

Damit verändert sich Ihr Blick auf fremde Texte. Sie haben nicht mehr den pauschalen Eindruck "gut" oder "schlecht", sondern können dies konkret benennen und begründen. Ich nenne das den analytischen Blick. Er ist ein wichtiger Schritt auf Ihrem eigenen Weg, klare Sätze zu schreiben.

 


cleartext zum Mitmachen

"Ein Buch zu schreiben habe ich mir eigentlich viel einfacher vorgestellt.
Um dem gesteckten Ziel, ein sehr praxisorientiertes und lesbares PR-Buch zu schreiben, das auf der einen Seite nach Möglichkeit alle relevanten Maßnahmen und Mittel anspricht und gleichzeitig nur die wichtigsten Aspekte darin erörtert, mit weitgehendem Verzicht auf theoretischen Ballast und trotzdem zur Professionalisierung des Lesers beiträgt, ist nicht ganz einfach."

Ein Satz mit 46 Wörtern. Das ist wenig im Vergleich zu Joschka Fischers 80, doch grammatikalisch fährt der Autor gegen die Wand. Der Satz stammt aus dem Schlusswort eines PR-Sachbuchs. Die Lektorin hat diesen Satz nicht ausgebügelt. Und der Autor dankt ihr für die "professionelle Zusammenarbeit".

Wenn Sie mögen: Übernehmen Sie das Lektorat. Mehr dazu dann im Januar.

 


Für Sie nachgelesen

"Behandeln Sie die Schreibmaschine so sanft, wie Sie behandelt werden wollen. Bürsten Sie die Typenhebel möglichst täglich. Stauben Sie sie öfter mit einem Pinsel und einem weichen Tuch ab. Decken Sie sie jeden Abend zu und stellen Sie sie nicht zu warm." - Bürocomputer können von derlei Fürsorglichkeit nur träumen. Vor 50 Jahren war das noch anders.

Ludwig Reiners:
Fräulein, bitte zum Diktat
List Bücher "Ratschläge aus der Praxis"     
Band 14 erschienen 1953

Reiners war in der Nachkriegszeit, was später Wolf Schneider wurde: eine Koryphäe in Sachen Sprache. Er verfasste die "Stilkunst", "Der sichere Weg zum guten Deutsch - und eben das "Hand- und Wörterbuch der Sekretärin".

Seine Ratschläge waren umfassend: Er geißelte die Substantivierung ("die Begleichung einer Schuld vornehmen"), gab Tipps für Kleidung und Make up - und predigte Sorgfalt: "Heben Sie den Stenoblock wenigstens drei Monate zum Nachschlagen auf! Werfen Sie keinen Zettel ohne Genehmigung weg!"

Falls Sie also zwischen den Jahren einen Ausflug machen wollen in die
versunkene Zeit von Farbband und Kohlepapier - hier werden Sie fündig.

Das Buch selbst bekommen Sie noch leicht. Amazon hat sieben Exemplare gelistet, zu Preisen ab 0,01 Euro. Ich selbst fand es in einem Antiquariat in Berlin-Kreuzberg - im Karton "zu verschenken". Wenn das Reiners wüsste.    

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