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Guten Tag! [Januar 2008]

Wie geht es Ihren Vorsätzen für das neue Jahr? Falls Sie noch auf der Suche sind: Ich wüsste Ihnen drei. Klarheit in der Sprache, Zugewandtheit zum Empfänger, Phantasie. Mehr dazu in unserem Tipp des Monats und im Buchtipp.

Mit besten Grüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Ein Buch zu schreiben habe ich mir eigentlich viel einfacher vorgestellt. Um dem gesteckten Ziel, ein sehr praxisorientiertes und lesbares PR-Buch zu schreiben, das auf der einen Seite nach Möglichkeit alle relevanten Maßnahmen und Mittel anspricht und gleichzeitig nur die wichtigsten Aspekte darin erörtert, mit weitgehendem Verzicht auf theoretischen Ballast und trotzdem zur Professionalisierung des Lesers beiträgt, ist nicht ganz einfach."

Es ist schön, wenn jemand freimütig über die Qualen des Schreibens
berichtet. Weniger schön ist es, wenn er am Satzende nicht mehr weiß,
wie er angesetzt hatte. Also nochmals zurück auf Los:

Meine Arbeit als Autor habe ich mir einfacher vorgestellt. Ich wollte ein praxisorientiertes und lesbares PR-Buch schreiben. Ich wollte möglichst alle relevanten Schritte und Werkzeuge von PR ansprechen, mich aber auf die wichtigsten Aspekte konzentrieren und weitgehend auf theoretischen Ballast verzichten. Trotzdem sollte dieses Buch zur Professionalisierung des Lesers beitragen. Beim Schreiben merkte ich dann: Dies ist nicht ganz einfach.

Klar und verständlich formulieren - so funktioniert es:

Unser Gruseltext besteht aus zwei Sätzen. Der erste ist so weit in Ordnung, der zweite ist problematisch: zu lang und zu verschachtelt. Der eigentliche Hauptsatz "(Es) ist nicht ganz einfach" steht am Schluss, das Subjekt "Es" ist - grammatikalisch verquer - verborgen im "gesteckten Ziel".

Mein Grundprinzip beim Schreiben kennen Sie inzwischen: portionieren. Das "gesteckte Ziel" verteile ich auf insgesamt drei Sätze: Das Buch soll praxisorientiert und lesbar sein, umfassend ohne Detailflut und theoretischen Ballast, und es soll zur Professionalisierung des Lesers beitragen. Diese Dreiteilung bringt Ruhe in den Text und gibt jedem Aspekt ausreichend Platz. Das Fazit des Autors bekommt einen eigenen Satz. Der Anlauf "Beim Schreiben merkte ich dann" und der Doppelpunkt geben dem Fazit zusätzliches Gewicht.

Mein zweites Prinzip heißt: möglichst konkret und persönlich. Aus "Um dem gesteckten Ziel, ein sehr praxisorientiertes und lesbares PR-Buch zu schreiben" wird "Ich wollte ein praxisorientiertes und lesbares PR-Buch schreiben", aus"Maßnahmen und Mittel" wird "Schritte und Werkzeuge von PR".

Dann streiche ich alle unnötigen Füllwörter: das "eigentlich" im ersten Satz, das "auf der einen Seite" und das "gleichzeitig" im zweiten. Aus "nach Möglichkeit" mache ich"möglichst", das "darin" entfällt. Aus zwei Sätzen mit insgesamt 64 Wörtern werden fünf Sätze mit 61 Wörtern - der Text ist jetzt sogar kürzer.

Bei Umformulieren orientiere ich mich an diesen drei Schreibregeln:

  • Zwei kurze Sätze sind besser als ein langer
  • Hauptsachen gehören in Hauptsätze
  • konkret ist besser als abstrakt

Tipp des Monats: an den Leser denken

Ehe Sie einen Text schreiben: Denken Sie über den Leser nach. Gehen Sie die drei wichtigsten Baustellen des Schreibenden durch: Thema, Gefühle, Zukunft.

Thema: Was weiß der Leser bereits? Ist er oder sie Experte oder Laie? Was kann ich voraussetzen? Was muss ich erklären? Zusammenhänge? Begriffe?

Gefühle: Ist mein Thema beim Empfänger positiv besetzt, oder gibt es Ängste und Abwehr? Falls ja: Ignorieren Sie diese nicht. Gehen Sie aktiv damit um.

Zukunft: Wie geht es weiter? Was kann oder muss der Leser tun? Welche Fragen bleiben offen? - Lassen Sie den Leser damit nicht allein.

Auf diesen drei Baustellen stehen Sie bei allen Texten. Bei Ihrer Homepage, bei einem Akquisebrief und selbst bei einer Mahnung.
Dabei geht es auch um den Einstieg: Wie fange ich an? Mehr dazu im Februar - und vorab im Buchtipp. 

 


cleartext zum Mitmachen

"Sehr geehrter Herr Meyer, die DAK stellt Ihnen folgendes Pflegehilfsmittel zur Verfügung: Hausnotrufsystem. Falls Sie das oben genannte Pflegehilfsmittel noch nicht erhalten haben, wird der Leistungserbringer in den nächsten Tagen mit Ihnen einen Termin zur Aushändigung bzw. Lieferung vereinbaren. Das Pflegehilfsmittel mietet die DAK von dem Leistungserbringer. Damit unnötige Kosten vermieden werden, möchten wir Sie bitten, uns zu informieren, falls Sie das Pflegehilfsmittel vor dem Ablauf der oben genannten Mietdauer nicht
mehr benötigen. Beauftragter Lieferant: ASB OV Rems-Murr."

Dieses Schreiben erhielt ein 86-Jähriger von seiner Krankenkasse. Er hatte dort einen Hausnotruf beantragt. Als Hintergrund: Im Rahmen der Pflegeversicherung hatte ihm die Kasse zuvor Pflegestufe I zuerkannt. Das heißt in diesem Fall: Die Kasse übernimmt zumindest einen Teil Kosten für den Hausnotruf.

"Leistungserbringer" war im konkreten Fall der Arbeitersamariterbund ("ASB"), und dort der Ortsverein ("OV") Rems-Murr. 

Wenn Sie mögen: Schreiben Sie den Brief neu. Er darf gerne länger werden. Denken Sie dabei auch an die "drei Baustellen". Mehr dazu dann im Februar.

 


Für Sie nachgelesen

"Der erste Satz ist wichtig - nicht nur in der Liebe, sondern auch in der Literatur." Wie wahr. Ich würde nur hinzufügen: auch im Geschäftsleben. Auf der Homepage, in der Imagebroschüre, im Brief zu einem heiklen Thema.

Mit einem gelungenen ersten Satz öffnen wir eine Tür zum Empfänger. Wir gehen in Kontakt und signalisieren: Ich kenne Ihre Lage. Ich bin für Sie da, ich meine Sie ganz persönlich. Gelungene erste Sätze sind keine Wunderwerke, sondern Handwerk. Ein Grundprinzip heißt: vom Empfänger her denken.

Anregungen finden sich auch in der Literatur. Bei jenen ersten Sätzen, die uns Lesende auf Anhieb in ihren Bann ziehen - und mitten hinein in die Geschichte:

Der schönste erste Satz
Eine Auswahl der charmantesten und eindrucksvollsten Beiträge zum internationalen Wettbewerb
"Der schönste erste Satz"
Hueber Verlag, Ismaning 2007        
ISBN 978-3-19-307891-9         19,95 Euro

17 000 Menschen aus mehr als 60 Ländern steuerten ihre Favoriten bei. Es sind szenische Schilderungen wie "Eines Nachts, als der Sommer am tiefsten war, zog ich die Tür hinter mir zu und und ging los, so geradeaus wie möglich nach Osten" (Wolfgang Büscher in "Berlin-Moskau"), Wortspiele wie "Entweder mache ich mir Sorgen oder etwas es essen" (Ildikó von Kürten) oder freimütige Eingeständnisse wie "Mir fällt nichts mehr ein" (Wolfgang Hildesheimer).

 

Guten Tag! [Februar 2008]

Heute geht es um Briefe, die den Empfänger zur Verzweiflung bringen können. Dabei ist es kein Naturgesetz, dass Ämter und Versicherungen blutleer und bürokratisch schreiben müssen. Mein Buchtipp für Sie zeigt: Es geht auch anders.

Mit besten Grüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Sehr geehrter Herr Meyer, die DAK stellt Ihnen folgendes Pflegehilfsmittel zur Verfügung: Hausnotrufsystem. Falls Sie das oben genannte Pflegehilfsmittel noch nicht erhalten haben, wird der Leistungserbringer in den nächsten Tagen mit Ihnen einen Termin zur Aushändigung bzw. Lieferung vereinbaren. Das Pflegehilfsmittel mietet die DAK von dem Leistungserbringer. Damit unnötige Kosten vermieden werden, möchten wir Sie bitten, uns zu informieren, falls Sie das Pflegehilfsmittel vor dem Ablauf der oben genannten Mietdauer nicht
mehr benötigen. Beauftragter Lieferant: ASB OV Rems-Murr."

Diesen Brief erhielt ein 86-Jähriger von seiner Krankenkasse. Der Verfasser beherrscht die hohe Kunst der Bürokratensprache perfekt. Sein Werk ist ein Musterbeispiel dafür, wie man eine einfache Sache kompliziert ausdrückt. Bringen wir das Ganze also zurück ins Leben:

Sehr geehrter Herr Meyer, wir haben eine gute Nachricht für Sie. Ihr Antrag auf einen Hausnotruf ist bewilligt. Der Arbeitersamariterbund wird sich bei Ihnen melden und einen Termin vereinbaren, wann er Ihnen das Gerät bringt, anschließt und es Ihnen erklärt. Falls dies schon geschehen ist - umso besser.

Zum Geld: Wir übernehmen die Grundkosten für den Notruf, das sind die Miete für das Gerät und die Kosten, falls Sie den Notruf zwischen 8.00 und 20.00 Uhr benutzen. Dann schaut ein Mitarbeiter des Arbeitersamariterbunds nach Ihnen.

Bei einem Notruf in der Nacht informiert der Arbeitersamariterbund eine Vertrauensperson, die Sie bestimmt haben. Auch dies bezahlen wir. Sie selbst können mit dem Arbeitersamariterbund einen Zusatzvertrag abschließen. Dann schickt dieser auch nachts einen Mitarbeiter zu Ihnen. Falls Sie dies wünschen: Fragen Sie beim Arbeitersamariterbund nach, was Sie das kosten würde.

Sie können den Notruf so lange behalten, wie dies für Sie notwendig ist. Falls Sie ihn irgendwann nicht mehr brauchen sollten: Bitte geben Sie uns Bescheid. Damit helfen Sie uns beim sinnvollen Sparen. Wir wünschen Ihnen alles Gute - und dass der Notruf dazu beiträgt, dass Sie sich in Ihrem Alltag sicher fühlen.

Klar und verständlich formulieren - so funktioniert es:

Ich gebe zu: Heute ist meine Version doppelt so lang wie der Ursprungstext. Der Empfänger hätte das Schreiben dann aber wohl auf Anhieb verstanden. Das Hauptproblem bei diesem Brief sind nicht die Sätze, sondern die Wörter. Pflegehilfsmittel und Leistungserbringer, Aushändigung. ASB und OV. Also bürokratische Begriffe, eine blutleere Substantivierung, unbekannte Kürzel.

Diese Begriffe übersetze ich in Wörter aus dem Alltag. "Aushändigung" heißt schlicht: Jemand bringt das Gerät vorbei. Die eher unbekannte Abkürzung ASB schreibe ich aus, den Ortsverein Rems-Murr streiche ich ersatzlos.

Und ich schreibe auf, was den Adressaten vermutlich noch interessiert: Wie funktioniert das mit dem Notruf? Wer erklärt mir das? Wer bezahlt das alles? Auch hier benutze ich Wörter und Sätze aus dem Alltag. Ich arbeite mit Beispielen: Was passiert wann? Und ich trenne die Themenblöcke: Bewilligung und Lieferung, Kosten für die Grundversorgung, Kosten für den Notruf de luxe.

Beim Texten orientiere ich mich an diesen drei Schreibregeln:

  • konkret ist besser als abstrakt
  • ein Beispiel ist Gold wert
  • Wörter aus dem Leben bringen Leben in den Text

Tipp des Monats: an die Gefühle des Lesers denken

Auch uns Jüngeren geht es so: Briefe von Amt oder Versicherung lösen Unbehagen aus. Was wollen die von mir? Wird es teurer? Was muss ich tun? - Und nicht zuletzt: Ist das wieder einer dieser Briefe, die ich nicht verstehe? Der Empfänger ist also angespannt und innerlich auf Abwehr eingestellt.

Gehen Sie deshalb zunächst auf die Beziehungsebene. Danken Sie, loben Sie, erinnern Sie an eine gute gemeinsame Erfahrung. Oder wie in diesem Fall: "Wir haben eine gute Nachricht". Dies nimmt Spannung weg. Bei einem negativen Anlass ist der Einstieg auf der Beziehungsebene sogar besonders wichtig.

Erst dann kommen Sie zur Sache. Überlegen Sie vorab: Was weiß der Leser zu diesem Thema? Was kann ich voraussetzen, was muss ich erklären. Und: Sagen Sie dem Leser, ob er etwas tun muss oder nicht. "Sie brauchen nichts weiter zu unternehmen" - auch dieser Satz bringt Klarheit und Entlastung.

Gehen Sie zum Schluss nochmals auf die Beziehungsebene. Nicht mit einer Grußfloskel, sondern mit einer konkreten Ansprache. Jetzt ist der Brief rund.

 


cleartext zum Mitmachen

"Da Deutschland, das im vorliegenden Verfahren zu seiner Verteidigung den generischen Charakter des Begriffs „Parmesan“ einwendet, noch nicht einmal in Bezug auf Deutschland selbst Beweis angetreten hat, um seine Behauptung, der Begriff „Parmesan“ sei in Deutschland zu einer Gattungsbezeichnung geworden, in nennenswerter Weise zu substantiieren, ist die Verwendung des Wortes „Parmesan“ für Käse, der nicht der Spezifikation der g. U. „Parmigiano Reggiano“ entspricht, im vorliegenden Verfahren als Verletzung des durch Art. 13 Abs. 1 Buchst. b der Grundverordnung für diese g. U. gewährten Schutzes
zu betrachten."

Dieser Satz stammt aus der Feder des Generalanwalts beim Europäischen Geichtshof (EuGH) - aus einem Gerichtsstreit um die Frage, ob auch deutsche Käsehersteller den Begriff "Parmesan" auf ihre Verpackungen drucken dürfen. Das Kürzel "g. U." steht für "geschützte Ursprungsbezeichnung".

Wenn Sie mögen: Greifen Sie dem Generalanwalt unter die Arme und
schreiben Sie diesen 86-Wörter-Satz neu. Mehr dazu dann im März.

 


Für Sie nachgelesen

"Es ist nicht immer leicht, behördliche Schreiben zu formulieren. Sie sollen einerseits den Sachverhalt und die rechtliche Situation richtig wiedergeben, andererseits aber verständlich formuliert und übersichtlich sein. Deshalb lautet das Motto dieser Broschüre: Freundlich, korrekt und klar."

Mit diesen Sätzen beginnt eine Broschüre des Bayerischen Innneministeriums, die ich Ihnen schon einmal vorgestellt hatte. Jetzt erschien die Neuauflage:

Freundlich, korrekt und klar
Bürgernahe Sprache in der Verwaltung

kostenlose PDF-Datei im Internet unter
www.stmi.bayern.de/service/publikationen/
und dann weiter: Bürger und Staat > Bürger, Kommunen und Staat > Freundlich, korrekt und klar - Bürgernahe Sprache in der Verwaltung

Auf gut 70 Seiten erörtern die Autoren Themen wie Stil, Verständlichkeit und äußere Form - jeweils mit Gruselsätzen und Vorschlägen für verständlichere Formulierungen. Aus dem Inhaltsverzeichnis: Freundlicher Ton. Persönlicher Stil. Kein Amtsdeutsch, keine Pedanterie. Geläufige Wörter und Ausdrücke

Aus Sicht des Ministeriums nützt gute Sprache allen: "Das ist Service für die Bürgerinnen und Bürger - aber auch ein Dienst an uns selbst. Denn wir sparen uns letztendlich zeitaufwändige Rückfragen oder verärgerte Anrufe."

Guten Tag! [März 2008]

Heute macht der cleartext-Newsletter einen Ausflug ins Gericht.
Auch dort sind klare und verständliche Texte kein Schaden. Und
sollten Sie selbst beim Schreiben bisweilen um Worte verlegen
sein: Vielleicht hilft Ihnen in einem solchen Fall mein Buchtipp.

Mit besten Grüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Da Deutschland, das im vorliegenden Verfahren zu seiner Verteidigung den generischen Charakter des Begriffs „Parmesan“ einwendet, noch nicht einmal in Bezug auf Deutschland selbst Beweis angetreten hat, um seine Behauptung, der Begriff „Parmesan“ sei in Deutschland zu einer Gattungsbezeichnung geworden, in nennenswerter Weise zu substantiieren, ist die Verwendung des Wortes „Parmesan“ für Käse, der nicht der Spezifikation der g. U. „Parmigiano Reggiano“ entspricht, im vorliegenden Verfahren als Verletzung des durch Art.
13 Abs. 1 Buchst. b der Grundverordnung für diese g. U. gewährten Schutzes zu betrachten."

Dies erklärte der Generalanwalt beim Europäischen Gerichtshof (EuGH)
im Prozess um die Frage, ob auch deutsche Käsehersteller den Begriff "Parmesan" auf ihre Verpackungen drucken dürfen. Mit 98 Wörtern hält
dieser Satz Rang zwei auf der ewigen Gruseltext-Bestenliste. Greifen
wir also zur Käsereibe und machen das Ganze etwas mundgerechter:

Deutschland verteidigt das Vorgehen seiner Käsehersteller mit dem Argument, "Parmesan" sei heute ein Gattungsbegriff für eine bestimmte Käsesorte. Das müsste dann allerdings auch in Deutschland der Fall sein. Dies konnte die Bundesregierung indes nicht beweisen. Damit steht aus unserer Sicht fest:"Parmesan" ist die geschützte Ursprungsbezeichnung für „Parmigiano Reggiano“ aus Oberitalien. Die Verwendung für Käse aus anderen Gebieten verstößt gegen Art. 13 Abs. 1 Buchst. b der EU-Verordnung 517/2006. Für das aktuelle
Verfahren bedeutet dies: Käse aus Deutschland darf nicht "Parmesan" heißen.

Klar und verständlich formulieren - so funktioniert es:

Die Ursprungsversion ist ein klassischer Schachtelsatz. Er beginnt mit einem Nebensatz, in den drei weitere Teilsätze eingebaut sind. Auch der Hauptsatz"die Verwendung des Wortes Parmesan (ist) als Verletzung .. zu betrachten" ist durch einen Relativsatz unterbrochen. Dies macht das Ganze unverdaulich.

In meiner Version gehe ich schrittweise vor: zunächst die Argumentation der Bundesregierung, deren Konsequenz und der fehlende Nachweis. Das sind die ersten drei Sätze. Dann kommt die Schlussfolgerung des Generalanwalts - in Satz vier und fünf. Im sechsten Satz ziehe ich das Fazit für den aktuellen Rechtsstreit. Unter dem Strich schrumpft der Text von 98 auf 82 Wörter. Einmal mehr ein Beleg dafür: Mehr Sätze machen einen Text nicht länger.

Beim Texten habe ich mich an diesen Schreibregeln orientiert:

  • zwei (oder mehrere) kurze Sätze sind besser als ein langer
  • erst der Hauptsatz, dann der Nebensatz
  • konkret ist besser als abstrakt
  • Wörter aus dem Leben bringen Leben in den Text

PS: Inzwischen hat der EuGH den Fall entschieden: Deutsche Käsereien dürfen Parmesan herstellen, ihn aber nicht "Parmesan" nennen. Na dann.


Tipp des Monats: an die Gefühle des Lesers denken

Bei komplexen Sachverhalten laufen wir Gefahr, unsere Sätze zu überladen. Besonders groß ist das Risiko, wenn wir innerhalb eines einzelnen Satzes einen inhaltlichen Zusammenhang herstellen wollen: wenn-dann, weil-deshalb. Dadurch werden unserer Sätze fast zwangsläufig lang und verschachtelt.

Niemand verlangt von Ihnen, dass Sie diesen Zusammenhang innerhalb eines einzigen Satzes herstellen müssen. Lösen Sie sich von diesem Zwang. Packen Sie einen Aspekt in den ersten Satz, den nächsten in den zweiten.

Den inhaltlichen Bezug machen Sie mit Scharnier-Formulierungen deutlich:"Als Folge davon", "Deshalb", "In diesem Fall" - oder bei unserem Parmesan- Beispiel: "Damit steht ... fest" und "Für das aktuelle Verfahren bedeutet dies".

 


cleartext zum Mitmachen

"Ein für Rostock und das Land Mecklenburg-Vorpommern einzigartiges
Bauvorhaben wird in nur wenigen Monaten abgeschlossen sein und damit für die Biomedizin neue Standards in Sachen Technologiekompetenzzentrum setzen. In unmittelbarer Nähe zur universitären Forschung bieten unter einem architektonisch geschickt betonten Dach hochmodernste Arbeitsflächen quasi auf dem Universitätsklinikum einmalige Chancen für einen intensiven Austausch zwischen Grundlagenwissenschaftlern, klinisch tätigen Forschern und jungen Unternehmern auf dem Weg zu neuen Therapiemöglichkeiten."

Diese Sätze stammen aus einem Fachartikel über das neue Biomedizinische Forschungszentrum in Rostock. Der zweite Satz hat 39 Wörter und liegt damit deutlich über der kritischen Grenze von 20 Wörtern.

Wenn Sie mögen: Engagieren Sie sich für Mecklenburg-Vorpommerns Zukunft und schreiben Sie diese Sätze neu. Meine Version stelle ich Ihnen im April vor.

 


Für Sie nachgelesen

"Eigentlich wollte ich Ihnen das rororo-Synonymwörterbuch Sag es treffender von A.M. Textor vorstellen. Jemand hatte es mir empfohlen. Doch ich muss passen. In meinen Augen atmet das Buch den Geist der Erstausgabe von 1955. Unter "Hauspersonal" finden sich Dienstboten, Domestiken und Zugehfrauen, bei "Lehrer" der Schulmeister, Pauker und Präzeptor. Und manche Synonyme sind einfach falsch. Eine Vogel-Strauß-Politik ist kein Betrug, rehabilitieren ist nicht heilen, wohlwollend nicht gleich herablassend. Mein Fazit: nicht empfehlenswert.

Ich habe dann die gängigsten anderen Synonomwörterbücher durchgesehen und verglichen. Ergebnis: Der Duden ist und bleibt in meinen Augen die Nummer eins - in der B-Liga bis 10.00 Euro und in der A-Liga jenseits von 15.00 Euro.

        Duden            Das Wörterbuch der Synonyme
           12.000 Stichwörter - 150.000 Synonym-Begriffe
         ISBN 3-411-72481-1                          9,95 Euro

Er hat, was sonst nur Große haben: klare und differenzierte Stil-Angaben zu den Wörtern - von "umgangssprachlich" über "abwertend" bis "veraltet".

         Duden            Das Synonymwörterbuch
           20.000 Stichwörter - 300.000 Synonym-Begriffe. Mit CD-ROM
         ISBN 3-411-04084-X                          27,95 Euro

Nicht billig, aber souverän im Auftritt. Mit großem Abstand der Beste. Er erklärt auch korrekt, was ein GAU ist, im ursprünglichen Sinn ("Größter Anzunehmender Unfall in einem Atomkraftwerk) und im übertragenen Sinn ("Desaster"), er sagt uns, was "aus dem Stegreif" bedeutet und erklärt das Politiker-Unwort "zeitnah".

 

 

Guten Tag! [April 2008]

Heute macht der cleartext-Newsletter eine Reise an die Ostsee.
Standort-Werbung ist für Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaft
lebenswichtig. Ich sage: Wenn Sie mit einem Text überzeugen
wollen, muss dieser Text leben. Mehr dazu im Tipp des Monats.

Mit besten Grüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Ein für Rostock und das Land Mecklenburg-Vorpommern einzigartiges
Bauvorhaben wird in nur wenigen Monaten abgeschlossen sein und damit für die Biomedizin neue Standards in Sachen Technologiekompetenzzentrum setzen. In unmittelbarer Nähe zur universitären Forschung bieten unter einem architektonisch geschickt betonten Dach hochmodernste Arbeitsflächen quasi auf dem Universitätsklinikum einmalige Chancen für einen intensiven Austausch zwischen Grundlagenwissenschaftlern, klinisch tätigen Forschern
und jungen Unternehmern auf dem Weg zu neuen Therapiemöglichkeiten."

Diese Passage stammt aus einem Artikel über ein Biomedizinisches
Forschungszentrum in Rostock. Zwei lange Sätze, vollgestopf mit teils 
abstrakten Informationen. Menschen kommen nur am Rand vor.  Dabei
stehen sie in Wirklichkeit im Mittelpunkt. Rücken wir sie also ins Licht:

In Kürze können sie in Rostock Tür an Tür arbeiten: Wissenschaftler aus der Grundlagenforschung, forschende Ärzte und junge Unternehmen. Das neue Biomedizinische Forschungszentrum bietet ihnen modernste Arbeitsplätze direkt bei der Universitätsklinik. Wissenschaftler, Ärzte und Firmen können hier neue Medikamente entwickeln und neue Therapien. Die Wege sind kurz, die Partner
können sich intensiv austauschen. Mit dem neuen Forschungszentrum in Rostock setzt Mecklenburg-Vorpommern neue Maßstäbe in der Biomedizin.

Klar und verständlich formulieren - so funktioniert es:

Die Ursprungsversion mutet dem Leser eine Menge zu: Wort-Ungetüme wie "neue Standards in Sachen Technologiekompetenzzentrum" oder "Nähe zur universitären Forschung". Verpackt ist dies alles in zwei lange Sätze. Der zweite liegt mit 39 Wörtern weit jenseits der Grenze des Verständlichen.

Ich habe zunächst überlegt: Was bedeutet das konkret, was da steht? Wie mache ich das für Außenstehende verständlich? Und: Wo sind die Akteure, also die Menschen? Dann habe ich versucht, alles in lebensnahe Wörter und Bilder zu fassen. Was mir überflüssig erschien, habe ich gestrichen. Was übrig blieb, habe ich auf fünf Sätze verteilt. Am Ende ist der Text sogar kürzer.   

Beim Texten habe ich mich an diesen Schreibregeln orientiert:

  • zwei (oder mehrere) kurze Sätze sind besser als ein langer
  • Futur lässt sich oft durch Präsens ersetzen
  • konkret ist besser als abstrakt
  • Wörter aus dem Leben bringen Leben in den Text
  • Nennen Sie Ross und Reiter: Was tun die Menschen?

 


Tipp des Monats:

Das Rückgrat unserer Sätze sind Subjekt und Prädikat. Sie geben Antwort auf die beiden Hauptfragen? Wer ist der Akteur? Und: Was tut dieser Akteur?

Im Gruseltext des Monats ist das Subjekt kein Mensch oder eine Gruppe, und das Prädikat beschreibt keine Tätigkeit. Erster Satz: "Ein Bauvorhaben wird abgeschlossen sein", im zweiten Satz: "Hochmodernste Arbeitsflächen bieten gute Chancen". - Keine Antworten auf die Frage: Wer tut was?

Wenn Sie einen Text schreiben oder überarbeiten: Suchen Sie nach den Menschen in der Geschichte. Bauen Sie diese Menschen in Ihre Sätze ein, am besten als grammatikalisches Subjekt. Beschreiben Sie, was diese Menschen tun, planen oder sagen. Ihr Text erzählt dann eine Geschichte, und vor dem inneren Auge des Lesers entsteht ein Bild. Konkret, plastisch, verständlich. 

 


cleartext zum Mitmachen

"Wir beziehen uns auf die offiziellen, bei den verschiedenen deutschen Untersuchungsämtern veröffentlichten Schreiben, mit denen die in Deutschland ermittelte mangelnde Übereinstimmung folgende Losnummern des Produkts Ricotta Salata bekanntgegeben wird
(die Daten sind auf der Gewichtetikette angegeben, die auf der Verpackungsrückseite ist): RICOTTA SALATA OVINA „SCIURITA“
Losnummer 23704900 MHD 18/08/2008, Losnummer 23729200 MHD 19/04/2008, Losnummer 23729900 MHD 26/04/2008, Losnummer 23730200 MHD 29/04/2008, Losnummer 23733360 MHD 29/05/2008, Losnummer 023735100 MHD 17/06/2008, Losnummer 23736100 MHD 27/06/2008, Losnummer 23800700 MHD 07/07/2008, Losnummer 023801000 MHD 10/07/2008, Losnummer 23803800 MHD 07/08/2008,
Losnummer 23804900 MHD 18/08/2008, Losnummer 23805700 MHD 26/08/2008, Losnummer 23806000 MHD 29/08/2008 und RICOTTA SALATA OVINA „SARDIS“ Losnummer 23729700 MHD 24/04/2008, Losnummer 023732600 MHD 22/05/2008, Losnummer 023732700 MHD 21/02/2008, Losnummer 023733260 MHD 28/05/2008, Losnummer 023733400 MHD 30/05/2008, Losnummer 023734060 MHD 06/06/2008,
Losnummer 023734400 MHD 10/06/2008, Losnummer 023734700 MHD 13/06/2008, Losnummer 023800800 MHD 08/07/2008, Losnummer 023801800 MHD 17/04/2008, Losnummer 023801800 MHD 18/07/2008, Losnummer 023802200 MHD 22/07/2008, Losnummer 23802800 MHD 28/07/2008, Losnummer 23803700 MHD 06/08/2008, Losnummer 23805600 MHD 25/05/2008, Losnummer 23805600 MHD 25/08/2008,
Losnummer 23805900 MHD 28/08/2008.

Als Sicherheitsvorkehrung und Verbraucherschutz haben wir notwendige Maßnahmen eingeleitet, die oben genannten Losnummern des Produkts Ricotta Salata aus dem Verkehr zu nehmen. Wir möchten deshalb alle Kunden bitten, die das zu den oben genannten
Losnummern gehörende Produkt gekauft haben oder noch im Kühlschrank haben, dieses Produkt nicht zu verzehren; außerdem, wenn es möglich ist, bitten wir Sie darum, den Käse zu dem Händler zurückzubringen, wo er gekauft wurde."

Mit diesen Sätze begann Mitte April eine Rückruf-Anzeige eines Ricotta-Herstellers in mehreren Tageszeitungen. Zuvor hatten die Verbraucherministerien in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gewarnt, in verschiedenen Ricotta-Produkten seien gefährliche Listerium-Bakterien gefunden worden. Empfindliche oder
geschwächte Menschen könnten dadurch krank werden oder sogar sterben. In den Läden wurden die verunreinigten Käseprodukte sofort aus den Regalen genommen. 

Wenn Sie mögen: Bekennen Sie Farbe vor den Verbrauchern und schreiben Sie diese Rückruf-Anzeige neu. Meinen Vorschlag stelle ich Ihnen im Mai vor.

 


Für Sie nachgelesen

Wolf Schneider gilt vielen immer noch als deutscher Sprachpapst. Der Journalist und langjährige Leiter einer großen Journalistenschule schrieb zahlreiche Bücher über Sprache und Stil. Es heißt, sie seien nach wie vor Standardwerke.

Darf ich etwas Wasser in diesen Wein gießen? Ich habe Wolf Schneiders Buch Deutsch für Kenner gelesen, und ich muss sagen: Streckenweise habe ich mich geärgert. In weiten Teilen wirkt Schneider auf mich ziemlich besserwisserisch. Mein Eindruck: Er braucht fast 200 Seiten, bis er handfeste Vorschläge zum klaren Schreiben macht. Viele Beispiele atmen für mich die Luft der Erstausgabe aus den 1980er Jahren, und als "Meisterwerke deutscher Prosa" präsentiert er Kleist, Nietzsche und Thomas Mann. Mir reicht das nicht als Vorbild für das Jahr 2008. 

Andere Autoren sind einfach näher am Leben. Die Nummer eins auf meiner Favoritenliste ist nach wie vor das Buch, das ich Ihnen im Juni 2007 vorstellte:

            Doris Märtin:             Erfolgreich texten
         Voltmedia Verlag Paderborn    ISBN 3-938478-80-2                      8,95 €

Gut gefällt mir auch ein Buch von Norbert Franck, dessen "Handbuch für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit" ich Ihnen im Juni 2006 vorgestellt hatte. Inzwischen hat er ein weiteres Buch geschrieben. Er zollt den Vorvätern Respekt und grenzt sich doch klar von ihnen ab: "Schopenhausers Stil gilt als meisterhaft. Heute wirkt er antiquiert. Gute Texte sind sprachlich auf der Höhe der Zeit."

         Norbert Franck:            Erfolgreich schreiben   
         Fischer Taschenbuch 17175 ISBN-13 978-3-596-17175-0           9,95 €

Aus dem Inhalt: Verständlich und anschaulich schreiben: Wörter - Verständlich und anschaulich schreiben: Sätze - Kurz und prägnant: Protokoll und Bericht.

Der Klappentext bringt es auf den Punkt: Gute Texte sind Türöffner und Voraussetzung für erfolgreiche Kommunikation. "Erfolgreich schreiben" ist keine besserwisserische Stilkunde, sondern vermittelt Know-how und Handwerkszeug. 

 

 

Guten Tag! [Mai 2008]

Heute hat der cleartext-Newsletter eine Krise. Als Thema. Wie man nicht mit ihr umgehen sollte, sehen Sie im Gruseltext des Monats. Das Wichtigste in einer Krise sind Offenheit - und gute Vorbereitung. Mehr dazu im Tipp des Monats und im Buchtipp.

Mit besten Grüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Wir beziehen uns auf die offiziellen, bei den verschiedenen deutschen Untersuchungsämtern veröffentlichten Schreiben, mit denen die in Deutschland ermittelte mangelnde Übereinstimmung folgende Losnummern des Produkts Ricotta Salata bekanntgegeben wird (die Daten sind auf der Gewichtetikette angegeben,
die auf der Verpackungsrückseite ist): RICOTTA SALATA OVINA „SCIURITA“
Losnummer 23704900 MHD 18/08/2008, Losnummer 23729200 MHD 19/04/2008, Losnummer 23729900 MHD 26/04/2008, Losnummer 23730200 MHD 29/04/2008, Losnummer 23733360 MHD 29/05/2008, Losnummer 023735100 MHD 17/06/2008, Losnummer 23736100 MHD 27/06/2008, Losnummer 23800700 MHD 07/07/2008, Losnummer 023801000 MHD 10/07/2008, Losnummer 23803800 MHD 07/08/2008, Losnummer 23804900 MHD 18/08/2008, Losnummer 23805700 MHD 26/08/2008, Losnummer 23806000 MHD 29/08/2008 und RICOTTA SALATA OVINA „SARDIS“
Losnummer 23729700 MHD 24/04/2008, Losnummer 023732600 MHD 22/05/2008, Losnummer 023732700 MHD 21/02/2008, Losnummer 023733260 MHD 28/05/2008, Losnummer 023733400 MHD 30/05/2008, Losnummer 023734060 MHD 06/06/2008, Losnummer 023734400 MHD 10/06/2008, Losnummer 023734700 MHD 13/06/2008, Losnummer 023800800 MHD 08/07/2008, Losnummer 023801800 MHD 17/04/2008, Losnummer 023801800 MHD 18/07/2008, Losnummer 023802200 MHD 22/07/2008, Losnummer 23802800 MHD 28/07/2008, Losnummer 23803700 MHD 06/08/2008, Losnummer 23805600 MHD 25/05/2008, Losnummer 23805600 MHD 25/08/2008, Losnummer 23805900 MHD 28/08/2008.            
Als Sicherheitsvorkehrung und Verbraucherschutz haben wir notwendige Maßnahmen eingeleitet, die oben genannten Losnummern des Produkts Ricotta Salata aus dem Verkehr zu nehmen. Wir möchten deshalb alle Kunden bitten, die das zu den oben genannten Losnummern gehörende Produkt gekauft haben oder noch im ühlschrank haben, dieses Produkt nicht zu verzehren; außerdem, wenn es möglich ist, bitten wir Sie darum, den Käse zu dem Händler zurückzubringen, wo er gekauft wurde."

Mit diesen Sätzen begann dieser Tage die Rückruf-Anzeige eines Ricotta- Herstellers in mehreren deutschen Tageszeitungen. Das Problem ist nur angedeutet, der Kunden-Aufruf versteckt sich hinter einem monströsen Zahlensalat. Mein Vorschlag: ehrlich sein und sagen, was Sache ist.

Die deutschen Lebensmittelbehörden haben in einigen unserer Ricotta-Salate gesundheitsschädliche Bakterien gefunden. Wir haben die gesamte Ware aus diesem Herstellungszeitraum sofort aus den Regalen nehmen lassen. Falls Sie eines dieser Produkte gekauft haben sollten: Bitte essen Sie den Käse nicht, sondern bringen Sie ihn zurück in den Laden. Sie bekommen von uns Ersatz.

Betroffen sind zwei unserer Produkte: RICOTTA SALATA OVINA „SCIURITA“ und RICOTTA SALATA OVINA „SARDIS“ mit einem Mindesthaltbarkeits-Datum zwischen Ende April und Ende August. Die genauen Nummern stehen am Ende dieser Anzeige - und auf dem Gewichtsetikett auf der Verpackungsrückseite.

Diese Ricotta-Produkte könnten verunreinigt sein: RICOTTA SALATA OVINA „SCIURITA“ mit der Losnummer 23704900 MHD 18/08/2008 ...

Klar und verständlich formulieren - so funktioniert es:

Die Ursprungsversion hat zwei gravierende Mängel. Sie versteckt die
Wahrheit hinter wolkigen Formulierungen. Und Sie bombardiert den Leser gleich zu Beginn mit einem Zahlensalat aus insgesamt 30 Chargen-Nummen. Baustelle Nummer eins: die Wahrheit. Der Leser will zunächst wissen: Was ist los? Im Original wird eine "mangelnde Übereinstimmung" bekannt gegeben. Übereinstimmung womit? - Also raus mit der Sprache: Die Behörden haben in einigen unserer Produkte gesundheitsschädliche Bakterien gefunden. Ein schnörkelloser Satz im Aktiv beantwortet die zentrale Frage: Was ist los?

Baustelle Nummer zwei: der Zahlensalat. Natürlich sind die Chargen-Nummern wichtig, damit ich als Käufer weiß: Ist mein Käse möglicherweise betroffen oder nicht? Aber niemand sagt, dass Sie das in den ersten Satz packen müssen. Hier reicht die allgemeine Formulierung "in einigen unserer Produkte".

Selbst im zweiten Absatz brauchen Sie die Nummern noch nicht. Die Produkt- Namen sind wichtiger. Wer diesen Käse im Kühlschrank hat, wird nachsehen und die Nummern vergleichen. Am Schluss der Anzeige findet er sie genauso.   

Beim Texten habe ich mich an diesen Schreibregeln orientiert:

  • zwei kurze Sätze sind besser als ein langer
  • konkret ist besser als abstrakt
  • Nennen Sie Ross und Reiter: Was ist los?
  • (Und in diesem Zusammenhang:) Aktiv ist besser als Passiv

 


Tipp des Monats:

"Die Behörden haben in einigen unserer Produkte gesundheitsschädliche Bakterien gefunden" - so ein Satz tut weh. Aber er schafft Ihnen auch Luft. Das schlimmste ist gesagt, jetzt können Sie zeigen, wie Sie die Sache lösen.

Wer Unangenehmes zu verstecken versucht, muss tricksen und lavieren. Mit verschleiernden Passivkonstruktionen wie "bekanntgegeben wird". Die in unserem Fall zitierten Schreiben der Untersuchungsämter kennt der normale Verbraucher nicht, der Verweis darauf verhöhnt die Leser der Anzeige.

Fehler passieren, ob wir es wollen oder nicht. Krisen brechen herein, auch wenn wir sie gerne vermeiden würden. Diese Dinge entziehen sich unserem Einfluss. Aber wir haben es in der Hand, wie wir mit einer Krise umgehen.

Zwei einfache Regeln gibt es: Offenheit ist besser als Lügen und Verschleiern. Und: Offensives Handeln ist besser als angstvolles Reagieren. Ehrlichkeit kann entwaffnend sein. Entschlossenes Handeln kann Ihnen Respekt einbringen.

Auf unser Beispiel bezogen heißt dies: Sagen Sie den Verbrauchern gleich im ersten Absatz, was Sie zu deren Wohl gemacht haben: raus mit der Ware aus den Regalen. Und sagen Sie den Käufern: Wir ersetzen Ihnen den Käse.

Und: Blicken Sie nach vorn. Sagen Sie, was Sie über den Tag hinaus tun werden. Aktiv und umsichtig. Damit können Sie selbst in der Krise punkten: "Wir bedauern diesen Vorfall zutiefst. Unsere Experten sind dabei zu klären, wie die Bakterien in den Käse gelangen konnten. Unsere Hygienestandards sind auf dem neuesten Stand, und unsere Produktion wird laufend kontrolliert. Wir informieren Sie, sobald das Untersuchungsergebnis vorliegt. Und wir sagen  Ihnen, welche Konsequenzen wir ziehen. Darauf geben wir Ihnen unser Wort."

Ein Letztes: Bereiten Sie sich schon in guten Tagen auf eine mögliche Krise vor. Planen Sie für den Fall X. - Mehr dazu finden Sie im Buchtipp des Monats.

 


cleartext zum Mitmachen

"Leistungsverbesserungen und Beitragsanpassung
in der privaten Pflege-Pflichtversicherung

Sehr geehrter Herr Ruoff,

Sie sind bei der XY privat pflegeversichert. Für Ihr Vertrauen danken wir Ihnen. Zur Optimierung des Leistungsumfangs der Pflegeversicherung tritt das Pflege- Weiterentwicklungsgesetz am 01.07.2008 in Kraft. Das Gesetz sieht zahlreiche Neuregelungen vor, die Sie im beigefügten Informationsblatt nachlesen können.

Mit der Verbesserung der Leistungen ist eine Anhebung der Beiträge für die gesetztliche und private Pflege-Pflichtversicherung verbunden. Den neuen Beitrag können Sie Ihrem Nachtrag zum Versicherungsschein entnehmen. An Ihrer Zahlungsweise ändert sich nichts. Wir buchen die Beiträge von Ihrem Konto ab."

Das Informationsblatt beginnt so: "Ab dem 1. Juli 2008 ergeben sich durch das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz in den Allgemeinen Versicherungsbedingungen und Tarifen für die private Pflege-Pflichtversicherung umfassende Neuregelungen und Leistungsverbesserungen."

Zwei Absätze weiter wird es dann konkret: "Was ändert sich in den Leistungen? Das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz sieht z.B. höhere Leistungen für Pflegebedürftige, Entlastung für pflegende Angehörige, strengere Kontrolle von Heimen und die Stärkung der ambulanten Vesorgung vor. Der besondere Hilfe- und Betreuungsbedarf von Demenzkranken wird künftig besser berücksichtigt."

Wenn Sie mögen: Greifen Sie meinem Versicherer unter die Arme und schreiben Sie diesen Informationsbrief neu. Meinen Vorschlag stelle ich Ihnen im Juni vor.


Für Sie nachgelesen

"Krisen, Unfälle und andere Rückschläge bringen Untenehmen meist schneller in die Medien, als sich die Geschäftsleitung das jemals vorstellen konnte. Vertuschungsmanöver und eine Politik des Abschottens verschlimmern Krisen im Galopp. Durch den Verlust der Glaubwürdigkeit sinkt das Vertrauen in die Firma und die handelnden Personen rapide, oft geht es für immer verloren."

Diese Sätze stehen in einem Buch, das ich Ihnen schon einmal vorgestellt habe: vor mehr als zwei Jahren, im allerersten cleartext-Newsletter im April 2006:

         Siegfried Aberle und Andreas Baumert:
            Öffentlichkeitsarbeit
            Ein Ratgeber für Klein- und Mittelunternehmen
         Beck-Wirtschaftsberater
         dtv-Taschenbuch 50857   ISBN 3-423-50857-4   10,00 Euro

Um Krisen geht es in Kapitel 6 "Manchmal geht etwas schief - PR in Störungen und Krisen": Mitarbeiter vorbereiten - Der Plan in der Schublade - Der Auftritt - Sorgen und Ängste ernst nehmen. Dazu kommt ein Praxisteil mit Checklisten.

Einen Kapitelteil überschreiben die Autoren mit "Aus Schaden klug werden". Im Vorwort schreiben sie dazu: "Wenn eine Krise nicht gleich das Ende ist, kann man aus ihr lernen. Wer darauf vorbereitet ist, dass auch mal etwas schief gehen kann, übersteht eine Krise besser. - Das könnte auch bei Käse gelten.

 

 

Guten Tag! [Juni 2008]

Heute ist der cleartext-Newsletter wieder einmal zu Gast in der Welt der Kundenbriefe. Allen Hochglanzbroschüren zum Trotz: Bei meiner Versicherung wiehert der Amtsschimmel noch heftig. Dabei könnte es so einfach sein. Mehr dazu im Tipp des Monats.

Mit besten Grüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Leistungsverbesserungen und Beitragsanpassung
in der privaten Pflege-Pflichtversicherung

Sehr geehrter Herr Ruoff,

Sie sind bei der XY privat pflegeversichert. Für Ihr Vertrauen danken wir Ihnen. Zur Optimierung des Leistungsumfangs der Pflegeversicherung tritt das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz am 01.07.2008 in Kraft. Das Gesetz sieht zahlreiche Neuregelungen vor, die Sie im beigefügten Informationsblatt nachlesen können.

Mit der Verbesserung der Leistungen ist eine Anhebung der Beiträge für die gesetztliche und private Pflege-Pflichtversicherung verbunden. Den neuen Beitrag können Sie Ihrem Nachtrag zum Versicherungsschein entnehmen. An Ihrer Zahlungsweise ändert sich nichts. Wir buchen die Beiträge von Ihrem Konto ab."

Das Informationsblatt beginnt so:
"Ab dem 1. Juli 2008 ergeben sich durch das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz in den Allgemeinen Versicherungsbedingungen und Tarifen für die private Pflege-Pflichtversicherung umfassende Neuregelungen und Leistungsverbesserungen."

Zwei Absätze weiter wird es dann konkret: "Was ändert sich in den Leistungen? Das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz sieht z.B. höhere Leistungen für Pflegebedürftige, Entlastung für pflegende Angehörige, strengere Kontrolle von Heimen und die Stärkung der ambulanten Versorgung vor. Der besondere Hilfe- und Betreuungsbedarf von Demenzkranken wird künftig besser berücksichtigt."

Diesen Brief bekam ich vor kurzem von meiner Krankenversicherung.
Er liest sich wie eine Gesetzesvorlage, vor die ein billiger Service-Satz
geklebt wurde. Mein Vorschlag: entschlacken und sagen, was Sache ist:

Ihre Pflegeversicherung wird besser - Ihr Beitrag steigt minimal

Sehr geehrter Herr Ruoff,

Sie haben es vielleicht in der Zeitung gelesen: Die Pflegeversicherung hat nicht mehr Schritt gehalten mit dem, was viele Ältere brauchen. Der Bundestag hat das Gesetz deshalb zum 1. Juli so ergänzt, dass es der Wirklichkeit von heute gerecht wird. Unter anderem bekommen Pflegebedürftige mehr Geld. Angehörige werden unterstützt - zum Beispiel, wenn sie selbst einmal Urlaub brauchen.


Damit wir dies für alle Betroffenen bezahlen können, steigt Ihr Monatsbeitrag zur Pflegeversicherung um 2,71 Euro. Was die verbesserte Pflegeversicherung alles bezahlt, haben wir für Sie in einem Informationsblatt zusammengestellt. Falls Sie Fragen zu den neuen Leistungen haben: Wir beantworten sie gerne.
Bitte wählen Sie in diesem Fall die kostenlose Telefonnummer 0800-1234 5678.
Für Ihre Unterlagen schicken wir Ihnen heute in der Anlage einen Nachtrag zum Versicherungsschein. Die Monatsbeiträge buchen wir wie bisher von Ihrem Konto ab. Sie brauchen nichts weiter zu unternehmen.   Danke für Ihr Vertrauen in uns, wir sind auch künftig jederzeit für Sie da.

Klar und verständlich formulieren - so funktioniert es:

Der Brief beginnt mit einem völlig überflüssigen Satz. Ich weiß, dass ich bei der XY versichert bin, das muss man mir nicht sagen. Ich will auch keinen Dank dafür, sondern einfach wissen, was Sache ist. Der Betreff hat mich misstrauisch gemacht. Denn als wacher Verbraucher weiß ich: "Beitragsanpassung" heißt, es wird teurer. Also will ich einfach nur die Summe wissen - und den Grund.

Der Grund versteckt sich hinter dem Wort "Pflege-Weiterentwicklungsgesetz". Doch das Gesetz ist nicht der wahre Grund der Veränderung, sondern nur die Reaktion auf ein Problem. Dieses Problem spricht der Brief genauso wenig an wie die konkreten Verbesserungen. - Ich schreibe beides in den ersten Absatz.

Dann kommt die Sache mit dem Geld. Bei der Formulierung "Anhebung der Beiträge" stelle ich mir als Leser die bange Frage: Wir teuer wird es? Erst aus dem Nachtragsblatt kann ich errechnen: Es sind ganze 2,71 Euro im Monat. Angesichts meiner Befürchtung eine gute Nachricht - also in den Brief damit.

Beim Texten habe ich mich an diesen Schreibregeln orientiert:

  • Konkret ist besser als abstrakt
  • Nennen Sie Ross und Reiter: Wer tut was? Was ist los?
  • Ein Beispiel ist Gold wert
  • Wörter aus dem Leben bringen Leben in den Text

 


Tipp des Monats:

Klare und verständliche Briefe zu schreiben ist kein Hexenwerk, sondern ganz einfach Handwerk. Der erste Schritt: Ich beobachte mich selbst, wenn ich einen fremden Brief lese. Was verstehe ich nicht? Was hinterlässt mich ratlos? Was ärgert mich? - So sollte ich meine eigenen Briefe nicht schreiben.

Ehe ich mich also hinsetze und schreibe, überlege ich 1. auf der Sachebene: Was weiß der Empfänger? Was kann ich voraussetzen, was muss ich erklären? 2. auf der Gefühlsebene: Was löst das Thema beim Empfänger aus? Freude?Ärger? Frustration? - Bei einem positiven Anlass habe ich es leichter, bei einem negativen Anlass sollte ich den Leser auffangen: mit klaren Informationen, mit einer offenen und verständlichen Begründung, mit ehrlichem Verständnis.

Vermeiden werde ich abstrakte und bürokratische Formulierungen. Und
beschönigende Begriffe wie "Beitragsanpassung". Leser honorieren Ehrlichkeit. 

 


cleartext zum Mitmachen

"Die außergewöhnliche Hotelanlage kann auf eine fast 1000jährige Geschichte zurückblicken und wird heute als modernes Tagungshotel betrieben. Als Mitglied bei den exzellenten Tagungshotels, den besten Tagungshotels in Deutschland und den ausgewählten Tagungshotels zum Wohlfühlen bürgt dies bereits für beste Qualität. Daher kann der Gast auch etwas Besonderes erwarten. 15 sehr schöne Tagungsräume mit modernster Technik sowie ein breites, sportliches Betätigungsfeld sowohl in der Halle als auch im Barockgarten garantieren eine störungsfreie Tagungsatmosphäre."

Diese Passage aus einer Hotelwerbung kommt bedeutungsvoll daher, besteht aber fast nur aus Allgemeinplätzen ohne wirklichen Informationswert.
Wenn Sie mögen: Greifen Sie dem Hotelmanagement unter die Arme und formulieren Sie den Text neu. Zusätzliche Informationen finden Sie unter www.schloss-schweinsburg.de. Meine Version stelle ich Ihnen im Juli vor.


Für Sie nachgelesen

"Wenn man schreiben will, muss man seinen Stil anpassen - und zwar anpassen an den Empfänger und an den Anlass des Schreibens. Es ist klar, dass man an eine langjährige Kundin anders schreibt als an das Finanzamt. ... Doch wie soll man nun schreiben? Dafür gibt es keine Faustregel, aber fest steht, dass ein Brief in lockerem Ton oft besser ankommt als einer in gedrechseltem Deutsch."

Wohlgemerkt: Dieser "lockere Ton" bezieht sich auf Geschäftsbriefe, und in diesem Bereich könnte mancher Empfänger irritiert sein, wenn ein Brief allzu salopp daher kommt. Doch die Empfehlung steht in einem Buch, das über jeden Verdacht erhaben ist, irgend welchen kurzlebigen Moden hinterher zu laufen.

Duden. Moderne Geschäftsbriefe - leicht gemacht
Der Ratgeber für alle, die korrekte moderne Geschäftsbriefe und E-Mails verfassen wollen
Verlag Bibliografisches Institut und F.A. Brockhaus AG
Mannheim 2005     ISBN 3-411-72221-5        9,95 Euro

Auch dieser Duden ist ein Duden: umfassend, aber insgesamt eher nüchtern. Er enthält Musterbriefe und nennt die Regeln der Briefnorm DIN 5008. Dazu Informationen zu Rechtschreibung, Grammatik und Stil. Hier gibt die Redaktion gute Tipps, wie man konkret und anschaulich schreibt. Mit vorher-nachher- Vergleichen und mit einer etwas anderen Definition des Begriffs "Fremdwort":

"Die Bedeutung des Begriffs 'Fremdwort' sollte man ... erweitern, indem man 'fremde Wörter' sagt: Fremde Wörter sind alle Wörter, die für den Empfänger 'fremd' sind, und das können auch deutsche Wörter oder Abkürzungen sein."

 

Guten Tag! [Juli 2008]

Heute blättert der cleartext-Newsletter ein bisschen in bunten Prospekten. Gerade zur Urlaubszeit versprechen sie uns das Blaue vom Himmel. Doch mit dem Urlaub ist es wie mit guten Texten: Das Einfache ist oft das Beste. Einen Begleiter für die Stunden der Muße stelle ich Ihnen in unserem Buchtipp vor.

Mit besten Feriengrüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

""Die außergewöhnliche Hotelanlage kann auf eine fast 1000jährige Geschichte zurückblicken und wird heute als modernes Tagungshotel betrieben. Als Mitglied bei den exzellenten Tagungshotels, den besten Tagungshotels in Deutschland und den ausgewählten Tagungshotels zum Wohlfühlen bürgt dies bereits für beste Qualität. Daher kann der Gast auch etwas Besonderes erwarten. 15 sehr schöne Tagungsräume mit modernster Technik sowie ein breites, sportliches Betätigungsfeld sowohl in der Halle als auch im Barockgarten garantieren eine störungsfreie Tagungsatmosphäre."

Diese Hotelwerbung kommt bedeutungsvoll daher, besteht aber fast
nur aus Allgemeinplätzen ohne echten Informationswert. Ehe ich hier
buche, würde ich es gerne etwas genauer wissen. Also vielleicht so:

 
Tagen in historischen Mauern: Schloss Schweinsburg bei Zwickau ist fast 1000 Jahre alt. Behutsam modernisiert und erweitert bietet es Ihnen einen stilvollen Rahmen. Unsere Tagungsräume statten wir für Sie mit Beamer, Video oder PC aus. Auf Wunsch betreuen wir Ihre Tagung komplett, vom Protokoll bis zur Feedback-Auswertung. Nach der Arbeit steht Ihnen unsere Ballsporthalle offen, auf Wunsch servieren wir Ihnen ein mittelalterliches Festmahl oder laden Sie zu einer Trabi-Safari ein. Schloss Schweinsburg gehört zur Vereinigung der besten Tagungshotels Deutschlands. Testen Sie uns! Wir freuen uns auf Sie.

Klar und verständlich formulieren - so funktioniert es:

Im Ausgangstext sind die Adjektive nichts sagend: außergewöhnlich, modernst, störungsfrei. Das sind Allgemeinplätze. Ich konkretisiere dies. Ich sage, was "modernst" bedeutet, ich beschreibe die besondere Atmosphäre des Hauses.
Menschen tauchen im Ausgangstext nur an eine Stelle auf: der Gast - obwohl dieser Gast der Leser der Anzeige ist und damit der potenzielle Kunde. Der Text ist distanziert, der Verfasser geht nicht in Kontakt zum Leser. Ich spreche den Leser an: für Sie, Ihre Tagung, Ihnen, Testen Sie. Und ich zeige mich: Wir arbeiten für Sie. Wir statten aus, wir betreuen, wir servieren, wir freuen uns.

Beim Texten habe ich mich an diesen Schreibregeln orientiert:

  • Konkret ist besser als abstrakt

  • "Das Subjekt soll leben, das Verb soll schwitzen": Texte werden anschaulich, wenn das Subjekt des Satzes eine lebende Person ist oder eine Gruppe - und wenn das Verb eine Tätigkeit ausdrückt

  • Wenn Sie etwas vom Leser wollen: Gehen Sie in Beziehung zu ihm!

 


Tipp des Monats:

Gute Marketing-Texte zu schreiben ist eine Kunst. Gute Marketing-Texte zu schreiben ist ganz einfach - beides ist richtig. Es ist eine Kunst, mich mit meinem Text von der Masse der Mitbewerber abzusetzen. Andererseits ist es ganz einfach, weil viele Texte aus rundgeschliffenen Worthülsen bestehen.

Das heißt: Wenn ich Floskeln vermeide wie "Hier ist der Gast noch König", "die Seele baumeln lassen" oder "ein unvergessliches Erlebnis", habe ich schon einen großen Fehler vermieden: hohle Phrasen. Und wenn ich stattdessen klipp und klar sage, was der Kunde erwarten kann und was ich für ihn mache, dann habe ich auch viel gewonnen. Je konkreter ich formuliere, desto besser.

Warum spricht Sie ein Marketing-Text an, und warum werfen Sie einen anderen gleich in den Papierkorb? Es liegt nicht nur am Thema. Schärfen Sie Ihren Blick.

 


cleartext zum Mitmachen

"Die Wanderungen werden je nach Wetterlage ausgesucht und durchgeführt. Die Gehzeiten bewegen sich zwischen 4 und 7 Stunden. Eine gewisse Grundkondition sollte vorhanden sein, außerdem Trittsicherheit und Schwindelfreiheit."

Und:
"Nordic Walking - eine der beliebtesten Sportarten, für Alt und Jung, Frau und Mann, die immer mehr Anhänger findet. Nordic Walking ist das ideale Herz- Kreislauftraining und Muskeltraining für Alle! 85 Prozent der gesamten Muskulatur werden trainiert, die Gelenke werden durch den Stockeinsatz geschont, Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich werden gelöst, eine Steigerung der Sauerstoffaufnahme wird erreicht. Der Kalorienverbrauch ist im Vergleich zum Walken um 20 Prozent höher."

Zwei Texte aus dem Katalog eines Alpinverbands. Wie bei Schloss Schweinsburg sind es Texte für potenzielle Kunden - aber Menschen kommen fast nicht vor. Wenn Sie  mögen: Ändern Sie dies. Meine Version stelle ich Ihnen im August vor.


Für Sie nachgelesen

"Soll ich die Führungsposition annehmen? Passt das überhaupt zu mir? Ich bin beruflich sehr erfolgreich, wieso bin ich nicht glücklich? Ich habe da immer noch die Idee, etwas ganz anderes aus meinem Leben zu machen. Aber ich glaube, dazu bin ich zu alt - oder vielleicht doch nicht?"

So beginnt das Buch, das ich Ihnen jetzt zur Sommerpause vorstellen möchte. Sie wissen: Im Sommer und zu Weihnachten finden Sie hier kein Buch rund ums Schreibhandwerk, sondern eines für die Zeit jenseits der Arbeit.

Lisa Krelhaus:
Wer bin ich - wer will ich sein?
Ein Arbeitsbuch zur Selbstanalyse und Zukunftsgestaltung
mfg-Verlag
Heidelberg 2004   ISBN 978-3-636-07151-4   8,90 Euro

Die Diplompsychologin Lisa Krelhaus stellt einen Fragebogen vor zu zentralen Motiven unseres Handelns: Neugier, Geselligkeit, Macht, Gestaltung, Leistung, Uneigennützigkeit, Unabhängigkeit, Status, Wettbewerb, Selbstwirksamkeit. Auf dieser Grundlage führt sie uns an Fragen zu unserer Zukunft heran: Was sind meine Entwicklungsziele? Welche Visionen habe ich? Wie kann ich mit Kritik umgehen, Misserfolge überstehen, Herausforderungen annehmen?

Mein Urteil: ein fundiertes, sehr klar strukturiertes Buch. Die Autorin bietet keine oberflächliche Lebens- und Zukunftsberatung, sondern gibt mir als Leser ein Werkzeug an die Hand, klarer zu sehen und zu entscheiden.

Guten Tag! [August 2008]

Ehe auch dieser Sommerurlaub Erinnerung ist, taucht der cleartext-Newsletter nochmals ein in die Welt der Prospekte. Im Mitmach-Text geben wir ein letztes Mal Gas für alle, die im Stau standen. Die Rückkehr in den Alltag versüßt Ihnen vielleicht meine neue Newsletter-Rubrik: die Wunschbox.

Mit besten Grüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Die Wanderungen werden je nach Wetterlage ausgesucht und durchgeführt. Die Gehzeiten bewegen sich zwischen 4 und 7 Stunden. Eine gewisse Grundkondition sollte vorhanden sein, außerdem Trittsicherheit und Schwindelfreiheit."

Nordic Walking - eine der beliebtesten Sportarten, für Alt und Jung, Frau und Mann, die immer mehr Anhänger findet. Nordic Walking ist das ideale Herz-Kreislauftraining und Muskeltraining für Alle! 85 Prozent der gesamten Muskulatur werden trainiert, die Gelenke werden durch den Stockeinsatz geschont, Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich werden gelöst, eine Steigerung der Sauerstoffaufnahme wird erreicht. Der Kalorienverbrauch ist im Vergleich zum Walken um 20 Prozent höher.

Dieser Katalog eines Alpinverbands atmet klassischen Bürokratiestil. Wanderungen werden durchgeführt, Verspannungen werden gelöst.
Dabei soll der Katalog Kunden ansprechen. Bringen wir sie ins Spiel:

Unsere Touren legen wir je nach Wetterlage fest, vier bis sieben Stunden ist unsere Gruppe jeden Tag unterwegs. Sie brauchen also eine gewisse Grundkondition, und Sie sollten trittsicher und schwindelfrei sein.

Warum findet Nordic Walking immer mehr Anhänger? Sie trainieren 85 Prozent Ihrer Muskeln, und dank der Stöcke schonen Sie trotzdem Ihre Gelenke. Verspannungen in den Schulten und im Nacken lösen sich. Ihr Körper nimmt mehr Sauerstoff auf, und Sie verbrauchen ein Fünftel mehr Kalorien als beim Walken ohne Stöcke. Beim Nordic Walking trainieren Sie Herz, Kreislauf und Muskeln ideal. Deshalb treffen Sie im Park und beim Wandern immer mehr Anhänger dieser Sportart - Frauen und Männer, Jüngere und Ältere.

  
Klar und verständlich formulieren - so funktioniert es:
Im ersten Ausgangstext kommen überhaupt keine Menschen vor, im zweiten nur abstrakt als "Alt und Jung, Frau und Mann". Wie haben die Verfasser es geschafft, die Menschen so erfolgreich auszusparen? - Vor allem durch die Passivkonstruktionen. Passiv versteckt das handelnde Subjekt: Wanderungen werden durchgeführt. Von wem? Gelenke werden geschont. Wer schont?

Mein Grundrezept beim neu Texten war deshalb: Aktiv statt Passiv. Aktiv betont den Handelnden. Und wo immer es ging, spreche ich die Leser des Katalogs direkt an. Sie sind die potenziellen Teilnehmer, also die Kunden.

Aus dem Schatzkästlein des Bürokratiestils stammen auch einige abstrakte Substantive: Gehzeiten, Trittsicherheit, Schwindelfreiheit. Der Nominalstil versteckt das Leben. Im Urlaub bewegen sich Wanderer, hier im Katalog bewegen sich Gehzeiten. - Ich bringe das Leben in den Katalog.

Beim zweiten Text habe ich auch den Aufbau geändert: Die Reihenfolge Frage - Fakten - Fazit erscheint mir überzeugender als der Aufbau des Ausgangstextes. Dort steht das Fazit vorn und wirkt wie eine Behauptung. 

Beim Texten habe ich mich an diesen Schreibregeln orientiert:

  • Aktiv ist besser als Passiv
  • "Das Subjekt soll leben, das Verb soll schwitzen": Personen als Subjekt und Verben, die eine Tätigkeit ausdrücken, machen Sätze anschaulich ganz allgemein: Wörter aus dem Leben bringen Leben in den Text
  • Wenn Sie etwas vom Leser wollen: Gehen Sie in Beziehung zu ihm

 


Tipp des Monats:

Wie finde ich Wege aus der Passiv-Falle? Wie löse ich mich vom Nominalstil und von bürokratischen Formulierungen? - Wir schreiben nicht absichtlich kompliziert, wir haben es so gelernt. In der Schule, in der Ausbildung und vor allem beim Studium haben wir einen komplizierten Schreibstil gelernt.

Den werden wir nicht über Nacht wieder los. Aber es ist möglich. Wenn Ihnen Ihr Text zu kompliziert vorkommt: Erzählen Sie den Sachverhalt jemandem. Am besten einem Laien. Sie benutzen dann andere Wörter und bilden andere Sätze. Achten Sie auf diese Formulierungen. Schreiben Sie Ihren Text so.

Und: Ermuntern Sie Ihr Gegenüber, Fragen zu stellen. Was Ihr Zuhörer nicht versteht, versteht wahrscheinlich später auch der Leser nicht. Betrachten Sie ein "Das verstehe ich nicht" als Hilfestellung, um konkreter zu formulieren.  

Wenn Sie keinen Sparringspartner haben, dem Sie Ihren Text erzählen können: Machen Sie einfach einen Entwurf. Drucken Sie ihn aus und überprüfen Sie die Sätze anhand meiner Schreibregeln. Wie steht es mit Aktiv und Passiv? Haben Sie Menschen im Text? Als Subjekt? Wie steht es um die Verben?  

 


cleartext zum Mitmachen

"Das Triebwerk hebt dabei nur relativ sanft die Stimme, obwohl im AMG- Sportpaket (2124 Euro), das unseren schneeweißen Benz dank Tieferlegung, Spoiler, Schürzen und Schweller zum Liebling jener Sorte junger Männer machte, mit denen wir unsere Töchter partout nicht auf dem Abschlussball sehen wollen, auch ein 'sportlicher Motorsound' enthalten ist."

Dieser Satz stammt vom Autotester eine großen deutschen Tageszeitung. Er ist verbal das, was in Autoanzeigen "Vollausstattung" heißt: alles drin. Ich sage allerdings, es ist zu viel drin. Wenn Sie also mögen: Nehmen Sie etwas das Gas weg. Meine Version stelle ich Ihnen im September vor.


Die Wunschbox

Haben Sie einen Text, bei dem Sie sagen: Er ist noch nicht so, wie ich ihn mir wünsche. Wie formuliere ich es anders? Wie erkläre ich diesen Sachverhalt? Schicken Sie mir diesen Text. Schreiben Sie dazu: In welchem Zusammenhang steht er, an wen richtet er sich, was würden Sie gerne anders ausdrücken?

Schicken Sie das Ganze per E-Mail an newsletter@cleartext.de, Stichwort "Wunschbox" - oder an cleartext, Oranienburger Straße 33 in 10117 Berlin. Ich stelle Ihren Text hier in der Wunschbox vor - ohne Namensnennung und gerne auch anonymisiert. Und ich stelle Ihnen meine Alternativversion dazu. Je kürzer Ihr Text ist, desto besser: bitte maximal eine halbe DIN-A-4-Seite.


Für Sie nachgelesen

"Oft quellen Pressemitteilungen ohne Unterlass aus Faxgeräten, verstopfen E-Mail-Fächer und stapeln sich in den Poststellen der Redaktionen" - in Deutschland 40 000 bis 50 000 im Monat, schätzt der Journalist und PR-Profi Wolfgang Zehrt. "Ihre Pressemitteilung steht also in harter Konkurrenz."

Sein Rezept klingt einfach: "Handwerklich gut über interessante Themen schreiben und diese gezielt kommunizieren". In seinem Buch erläutert er, was ein interessantes Thema ist, wie ich eine Pressemittelung so schreibe, dass Journalisten sie verwenden können. Und wem ich sie zukommen lasse.    

Wolfgang Zehrt:
Die Pressemitteilung
UVK Verlagsgesellschaft
Konstanz 2007  ISBN 978-3-89669-494-2  24,90 Euro

Aus dem Inhalt: Themen finden, Aktualität schaffen, an Themen andocken. Beschreiben statt bewerben, kurz schreiben, nur  e i n  Thema pro Text. Umgang mit Journalisten: Wie "ticken" sie, wie entscheiden sie? Zehrts Fazit: "Für gut geschriebene und gezielt adressierte PR-Meldungen besteht nach wie vor eine gute Chance, in den Medien berücksichtigt zu werden." 

Mein Urteil: Hier schreibt ein Praktiker. Er kennt den Alltag von Journalisten und Pressestellen. Er weiß, was beide brauchen, vermittelt Handwerkszeug. Bringt Beispiele, analysiert Gruseltexte und schreibt sie neu. Empfehlenswert.

Guten Tag! [September 2008]

Heute gibt der cleartext-Newsletter wie versprochen noch einmal Gas - auch wenn der Benzinpreis dies eigentlich verbietet. Und falls auf Ihrem Schreibtisch seit dem Urlaub noch der eine oder andere unbeantwortete Geschäftsbrief liegt: Ich hätte etwas für Sie - den September-Buchtipp.

Mit besten Grüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Das Triebwerk hebt dabei nur relativ sanft die Stimme, obwohl im AMG- Sportpaket (2124 Euro), das unseren schneeweißen Benz dank Tieferlegung, Spoiler, Schürzen und Schweller zum Liebling jener Sorte junger Männer machte, mit denen wir unsere Töchter partout nicht auf dem Abschlussball sehen wollen, auch ein 'sportlicher Motorsound' enthalten ist."

Dieser Satz stammt vom Autotester eine großen Tageszeitung. Und
der hat offenbar vor lauter Begeisterung die Satzbremse nicht mehr
gefunden. Mein Vorschlag für ein lesefreundliches Satzlängenlimit:

Das Triebwerk hebt dabei nur relativ sanft die Stimme, obwohl im AMG- Sportpaket auch ein 'sportlicher Motorsound' enthalten ist. Für 2124 Euro umfasst es ein tiefer gelegtes Fahrwerk, Spoiler, Schürzen und Schweller. Damit ist unser weißer Benz der Liebling jener Sorte junger Männer, mit denen wir unsere Töchter partout nicht beim Abschlussball sehen wollen.

Klar und verständlich formulieren - so funktioniert es:

Ich gebe zu: Der Autor schreibt sehr plastisch. Geschmack hin oder her: Man(n) sieht das aufgemotzte Auto förmlich vor sich. Leider packt er die schöne Schilderung in einen komplizierten Schachtelsatz mit 50 Wörtern.

Zum Glück ist das Umformulieren einfach, denn was ich brauche, ist ja
da. Zunächst entschlacke ich den obwohl-Nebensatz. Ich entferne die
komplette Schachtelkonstruktion und bekomme einen schlanken, leicht
veständlichen Satz. Aus den Detailinformationen zum Sportpaket baue
ich den zweiten Satz, aus dem Bild mit dem Alptraum aller bürgerlichen
Väter den dritten. Insgesamt ist meine Version um vier Wörter länger.

Einen Begriff habe ich ersetzt: Aus der etwas sperrigen Substantivierung "Tieferlegung" mache ich ein "tiefer gelegtes Fahrwerk". 

Beim Texten habe ich mich an diesen Schreibregeln orientiert:

  • Zwei (oder drei) kurze Sätze sind besser als ein langer
  • Im Satz muss zusammen, was zusammen gehört
  • Unterbrechen Sie keinen Satz durch einen anderen Satz
  • Vermeiden Sie Substantivierungen ("Nominalstil")

 


Tipp des Monats:

In meinen Schreibseminaren erlebe ich immer wieder: Viele von uns haben eine gewisse Scheu vor kurzen Sätzen. Manche sagen es offen: Das klingt mir zu abgehackt. Damit haben sie recht - und auch wieder nicht.

Abgehackt und gleichförmig klingen kurze Sätze dann, wenn ich sie alle nach dem klassischen Schema baue: Subjekt - Prädikat - Objekt:
"Ich habe gestern einen Brief vom Finanzamt bekommen. Ich habe ihn
aber bisher nicht aufgemacht. Ich mache das vielleicht morgen."

Lösen Sie sich von diesem Schema. Nirgends steht, dass ein Satz mit dem Subjekt beginnen muss. Wenn ich mit den Satzbausteinen spiele, bekommt auch ein Text aus kurzen Sätzen Spannung und wirkt abwechslungsreich:

"Gestern habe ich einen Brief vom Finanzamt bekommen. Aufgemacht habe ich ihn bisher aber noch nicht. Vielleicht mache ich das morgen." 

 


cleartext zum Mitmachen

"Für alle offiziellen Nachrichten, die aus Nordkorea kommen, gilt, dass sie nicht mit der Wahrheit, sondern mit den propagandistischen Absichten eines im wahrsten Sinne des Wortes totalitären Staatsapparats übereinzustimmen haben. Insbesonders gilt dies für alles, was mit dem Führer der Nordkoreaner, Kim Jong Il, zu tun hat. In einem System, das keine zivilisierte Übergabe der Macht kennt, muss selbstverständlich der Gesundheitszustand des Diktators ein Staatsgeheimnis sein."

Diese Passage stammt aus der Neuen Zürcher Zeitung. Sie ist berühmt für das Wissen Ihrer Korrespondenten - und bisweilen berüchtigt für deren Stil.

Dadurch verdanke ich der NZZ den einen oder anderen Gruselsatz für meine Journalistenseminare. Wenn Sie also mögen: Werfen Sie die Stil-Motorsäge an und lichten Sie das Unterholz. Meine Version stelle ich Ihnen im Oktober vor.



Die Wunschbox

Haben Sie einen Text, bei dem Sie sagen: Er ist noch nicht so, wie ich ihn mir wünsche. Wie formuliere ich es anders? Wie erkläre ich diesen Sachverhalt? Schicken Sie mir diesen Text. Schreiben Sie dazu: In welchem Zusammenhang steht er, an wen richtet er sich, was würden Sie gerne anders ausdrücken?

Schicken Sie das Ganze per E-Mail an newsletter@cleartext.de, Stichwort "Wunschbox" - oder an cleartext, Oranienburger Straße 33 in 10117 Berlin. Ich stelle Ihren Text hier in der Wunschbox vor - ohne Namensnennung und gerne auch anonymisiert. Und ich stelle Ihnen meine Alternativversion dazu. Je kürzer Ihr Text ist, desto besser: bitte maximal eine halbe DIN-A-4-Seite.


Für Sie nachgelesen

"Voreilig erwarten wir, dass unsere Briefe vom Anfang bis zum Ende
konzentriert aufgenommen werden. Dabei übersehen wir etwas sehr
Menschliches: Briefe werden ganz anders gelesen als geschrieben." 

Für mich als Verfasser eines Geschäftsbriefs klingt das ernüchternd, aber wissenschaftliche Untersuchungen belegen es: Der Empfänger scannt zunächst flüchtig bestimmte Bereiche eines Briefs ab. Dieser erste Eindruck kann entscheidend sein. Gut, wenn ich das als Verfasser berücksichtige. Auf was ich dabei achten sollte, wird mir in diesem Buch erläutert:

Erhard Schätzlein/Ines Rothe:
Kundenorientiert korrespondieren

Cornelsen Verlag
Berlin 2005 ISBN 3-589-23545-4 14,95 Euro

Aus dem Inhalt: Fünf Erfolgsmerkmale für kundenorientierte Texte: Optik, Gliederung, Einfachheit, Prägnanz, Anregung. Den Leser in den Mittelpunkt stellen. Moderner Stil. E-Mails. Gute Briefe sparen Zeit und Geld.  

Mein Urteil: sehr praxisnah. Gut gegliedert. Kurze Zusammenfassungen am Ende der Kapitel. Großer Übungsteil. Dazu ein Lexikon für modernen Stil: Gruselwörter von A bis Z plus Alternativvorschläge. Sehr empfehlenswert.

Guten Tag! [Oktober 2008]

Passend zum Herbst stellt der cleartext-Newsletter heute zwei Auslaufmodelle vor: Nordkorea und den Flughafen Berlin-Tempelhof. Beide hätten eine kreative PR bitter nötig. Was das hieße, verrät Ihnen der Oktober-Buchtipp.

Mit besten Grüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Für alle offiziellen Nachrichten, die aus Nordkorea kommen, gilt, dass sie nicht mit der Wahrheit, sondern mit den propagandistischen Absichten eines im wahrsten Sinne des Wortes totalitären Staatsapparats übereinzustimmen haben. Insbesonders gilt dies für alles, was mit dem Führer der Nordkoreaner, Kim Jong Il, zu tun hat. In einem System, das keine zivilisierte Übergabe der Macht kennt, muss selbstverständlich der Gesundheitszustand des Diktators
ein Staatsgeheimnis sein."

Eine Passage aus der Neuen Zürcher Zeitung. Das Blatt ist berühmt für
das Wissen seiner Korrespondenten - und bisweilen berüchtigt für deren Stil. Ich sage: Bei den Sätzen darf es gerne etwa schlichter zugehen:

Für alle offiziellen Nachrichten aus Nordkorea gilt: Sie müssen nicht mit der Wahrheit übereinstimmen, sondern mit den propagandistischen Absichten eines totalitären Staatsapparats. Dies gilt vor allem für Informationen über den Diktator Kim Jong Il. Nordkorea kennt keine zivilisierte Übergabe der Macht, und Kims Gesundheitszustand wird dadurch zwangsläufig zum Staatsgeheimnis.

Klar und verständlich formulieren - so funktioniert es:

Im ersten Satz steht die Hausptaussage in einem dass-Nebensatz, und dieser ist zusätzlich geteilt - das entscheidende Verb kommt erst ganz am Ende. Ich setze nach dem "gilt" einen Doppelpunkt und mache danach mit einem neuen Hauptsatz weiter. Das Verb ziehe ich in die Satzmitte, vor das "sondern". Den zweiten Satz fasse ich kürzer: aus dem Nebensatz wird ein "Informationen".
Im dritten Satz löse ich die Schachtelkonstruktion auf. Aus dem eingeblockten Relativsatz "das keine ... kennt" mache ich einen eigenen Hauptsatz.

Beim Texten habe ich mich an diesen Schreibregeln orientiert:

  • Hauptaussagen gehören nicht in Nebensätze, sondern in Hauptsätze
  • weg mit überflüssigen Nebensätzen
  • bei langen Satzkonstruktionen muss das Verb möglichst weit nach vorn
  • weg mit Schachtelsätzen. Erst der Hauptsatz, dann der Nebensatz

 


Tipp des Monats:

Profitieren Sie von guten Texten anderer. Früher hatte ich an dieser Stelle schon einmal geschrieben: Sie lesen einen Text, und er gefällt Ihnen. Er liest sich wie von selbst, und der Inhalt wird auf Anhieb klar. Mit einem anderen Text müssen Sie sich mühen oder einzelne Sätze sogar mehrmals lesen.

Schauen Sie genau hin: Was macht den einen Text klar und verständlich? Was macht den anderen sperrig? Hat der Autor seine Sätze überfrachtet? Sind sie zerrissen? Und was macht den ersten Text so verständlich? Ist es die Länge der Sätze? Die Wortwahl? Wo sitzen Subjekt und Prädikat?

Damit verändert sich Ihr Blick auf fremde Texte. Das ist ein wichtiger Schritt auf Ihrem eigenen Weg, klare Sätze und gute Texte zu schreiben.

Heute sage ich noch: Sammeln Sie gute fremde Texte. Legen Sie sich einen kleinen Fundus an mit gelungenen Formulierungen, mit kurzen und klaren Erklärungen zu komplizierten Sachverhalten. Wenn jemand anderer eine Sache besser erklären kann als Sie: Ärgern Sie sich nicht. Schauen Sie lieber hin, wie der andere es gemacht hat - und machen Sie es beim nächsten Mal genauso.   

 


cleartext zum Mitmachen

"Von oben hat man einen weiten Blick über das Gelände, und man sieht, dass nicht nur das riesige Gebäude, sondern auch die enorme Fläche ein Problem sind. Da wäre Platz für einen ganzen Stadtteil. Doch den braucht in einer Stadt, in der es schon als Erfolg gilt, wenn die Bevölkerung stagniert, wohl niemand."

Diese Sätze stammen aus einem Bericht über die ungewisse Zukunft des legendären Flugplatzes Berlin-Tempelhof nach der Schließung Ende Oktober.

Der Autor hat sich angepasst: Vom Satzbau her hat er sich etwas verloren in der gigantischen Weite des Feldes. - Wenn Sie mögen: Schlagen Sie ein paar grammatikalische Pflöcke ein. Meine Version stelle ich Ihnen im November vor.



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Für Sie nachgelesen

"Es gibt Pressemitteilungen, deren Überlebenszeit in einer Redaktion nicht länger als 0,8 Sekunden beträgt. Dann landen Sie im Papierkorb. Das gleiche Schicksal ereilt Kundenzeitungen, die an den Interessen ihrer Leser vorbei geschrieben sind, und Newsletter, deren Untehaltungswert so hoch ist wie der eines Medikamenten-Beipackzettels". Nach 0,8 Sekunden sind sie Geschichte."

Diese Sätze stammen von einem PR-Trainer. Von einem Mann also, der sich auskennt mit der Gretchenfrage von PR: Wie bringe ich die Botschaft rüber? 

Jens-Uwe Meyer
Kreative PR
UVK Verlagsgesellschaft
Konstanz 2007    ISBN 978-3-89669-599-4    24,90 Euro

Aus dem Inhalt: Die "Fünf-Minuten-Terrine der Ideenfindung". Wie Sie
kreative Ideen und Begriffe erfinden. "Mach mich an, Baby" - so wird
Kompliziertes sexy. Strukturierte Wege zur verrückten Idee.

Meyer denkt konsequent vom Empfänger her. An konkreten Beispielen zeigt er Wege zur Aufmerksamkeit des Lesers: "Andere Pressemitteilungen fallen auf. Redakteure lesen den Text an, werden neugierig, greifen zum Telefon. Es gibt Mitarbeiterzeitungen, die nicht nur gelesen, sondern aufbewahrt werden. Und Newsletter, bei denen der Reflex aussetzt, sofort die Delete-Taste zu drücken." - Mein Urteil: Hier spricht der Praktiker. Empfehlenswert.



Guten Tag! [Novemer 2008]

Goethe wünschte es sich auf dem Sterbebett, und auch die Aufklärung versprach es: "Mehr Licht". Doch Klarheit wächst nicht nur aus erhellenden Gedanken, sondern auch aus verständlichen Worten und Sätzen. Ein streitbares Plädoyer in dieser Sache bringt der cleartext-Buchtipp im November.

Mit besten Grüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Von oben hat man einen weiten Blick über das Gelände, und man sieht, dass nicht nur das riesige Gebäude, sondern auch die enorme Fläche ein Problem sind. Da wäre Platz für einen ganzen Stadtteil. Doch den braucht in einer Stadt, in der es schon als Erfolg gilt, wenn die Bevölkerung stagniert, wohl niemand."

Ein Abgesang auf den Ende Oktober geschlossenen Flughafen Berlin-
Tempelhof. Weit waren die Wege auf dem Areal, und weit sind sie auch in diesem Text. Wie bei einem guten Transit gilt: Machen Sie die Wege kurz.

Von oben hat man einen weiten Blick über das Gelände, und man sieht: Nicht nur das riesige Gebäude ist ein Problem, sondern auch das enorm große Flugfeld. Da wäre Platz für einen ganzen Stadtteil. Doch den braucht in Berlin wohl niemand. Hier gilt es schon als Erfolg, wenn die Bevölkerung stagniert und nicht schrumpft.
   
Klar und verständlich formulieren - so funktioniert es:

Der erste Satz läuft zunächst gut, das Problem beginnt mit dem dass-Nebensatz. Hier steht das Verb ganz hinten, und die "nicht nur-sondern auch"-Konstruktion macht den Weg noch länger. Meine Lösung ist ganz einfach: Aus dem Nebensatz mache ich einen Hauptsatz. Dadurch rückt das Verb weit nach vorn.

Der dritte Satz ist ein klassischer Schachtelsatz: Der Hauptsatz ist zerstückelt, er ist unterbrochen durch einen Nebensatz, der seinerseits einen Nebensatz hat. Auch hier ist die Lösung einfach: Ich bringe zunächst den Hauptsatz zu Ende.   

Beim Texten habe ich mich an diesen Schreibregeln orientiert:

  • Hauptaussagen gehören in Hauptsätze
  • erst der Hauptsatz, dann der Nebensatz
  • je früher im Satz das Verb kommt, desto verständlicher ist dieser Satz

 


Tipp des Monats:

Die Frage tauchte neulich in einem meiner Seminare auf: Was ist richtig? "Wie das Umweltbundesamt mitteilte, sank der CO2-Ausstoß um 15 Prozent" - oder "Wie das Umweltbundesamt mitteilte, sei der CO2-Ausstoß um 15 Prozent gesunken". Indikativ oder Konjunktiv? - Ich sagte: Indikativ, aber begründen konnte ich es nicht. Mein Grammatik-Duden wusste es auch nicht. Was also tun?

Rat wusste die Duden-Sprachberatung: Hier muss Indikativ stehen. Das "Wie das UBA mitteilte" ist keine Einleitung zu eine indirekte Rede, sondern eine faktische Wiedergabe der Mitteilung - also wie ein "Nach Angaben des UBA sank...". Hier darf deshalb kein Konjunktiv stehen. - Anders ist es bei der klassischen indirekten Rede: "Das UBA erklärte, der CO2-Ausstoß sei um 15 Prozent gesunken."

Die Duden-Sprachberatung ist eine feine Sache: Kluge Menschen geben einem Auskunft am Telefon. Montags bis freitags zwischen 8:00 und 18:00 Uhr unter der Nummer 09001 870098 . Aus dem Festnetz kostet die Minute 1,86 Euro, aus dem Mobilfunknetz kann es teurer sein. Fragen Sie vorher Ihren Netzbetreiber.

 


cleartext zum Mitmachen

"Mag die Aufklärung den menschlichen Geist an sich faszinieren und beeinflussen, so hat sie jedenfalls nicht alle Kulturen des Globus erfasst. Denn überall da, wo religiös oder magisch definierte Weltanschauungen ihre Domnanz über weite Teile des Lebens ausüben und wo mithin die Deutungshoheit über das praktische Tun keinen oder wenig Spielraum lässt für individuelle Standpunkte, Erkenntnisse
und Perspektiven, begegnet man dieser Ausprägung westlicher Zivilisation mit Widerstand, ja mit Verbot. (...) Dabei dürfte es mit der Nachfrage, ob und warum andere Kulturen der Welt keine andere, keine dem westlichen Sonderweg vergleichbare Entwicklung genommen haben, nicht sein Bewenden haben."

(Und einige Kapitel später): "Warum die schottische Aufklärung, beruhend auf der Verknüpfung eines die egoistischen Neigungen des Individuums befördernden Utilitarismus mit einer religiös fundierten Morallehre und erfüllt von technologischer Innovationsbereitschaft, eine derartige Wirkung zu entfalten vermochte, wird auf eine Kumulation verschiedener Ursachen zurückgeführt."

Diese Sätze stammen aus einer Abhandlung zum Thema Aufklärung, die ein Historiker für eine Schweizer Stiftung schrieb. Sie mag erhellend in der Sache sein, als Text ist sie es nicht. - Wenn Sie mögen: Halten Sie es mit Goethe und bringen Sie mehr Licht in diese Sätze. Meine Version stelle ich Ihnen im Dezember vor.



Die Wunschbox

Haben Sie einen Text, bei dem Sie sagen: Er ist noch nicht so, wie ich ihn mir wünsche. Wie formuliere ich es anders? Wie erkläre ich diesen Sachverhalt? Schicken Sie mir diesen Text. Schreiben Sie dazu: In welchem Zusammenhang steht er, an wen richtet er sich, was würden Sie gerne anders ausdrücken?

Schicken Sie das Ganze per E-Mail an newsletter@cleartext.de, Stichwort "Wunschbox" - oder an cleartext, Oranienburger Straße 33 in 10117 Berlin. Ich stelle Ihren Text hier in der Wunschbox vor - ohne Namensnennung und gerne auch anonymisiert. Und ich stelle Ihnen meine Alternativversion dazu. Je kürzer Ihr Text ist, desto besser: bitte maximal eine halbe DIN-A-4-Seite.


Für Sie nachgelesen

"Die Phrasendrescher sind unter uns. Ich will Ihnen zeigen, ... wie Politiker und Wissenschaftler, Feuilletonisten und PR-Fachleute, vor allem aber die Brut der Marketing-Experten unseren Kopf täglich mit Nichtigkeiten und Unsinn vollstopfen. Wie sie sich breit machen mit ihrem leeren Gebrabbel ..."

Der Journalist und Schreibtrainer Markus Reiter spießt sie auf, die schicken Begriffe wie "Innovation", "Herausforderung" oder "Priorität". Und er belegt: Oft sind es nur Worthülsen. Unter den neuen Kleidern sei der Kaiser nackt.

Markus Reiter
Die Phrasendrescher
Wie unsere Eliten uns sprachlich verblöden
           
 Gütersloher Verlagshaus
Gütersloh 2007    ISBN 978-3-579-06977-7    12,95 Euro

Mit einem Ausflug in die Hirnforschung belegt der Autor: Je anschaulicher ein Autor/in Wörter und Sätze formt, desto mehr bleibt beim Leser hängen. Je vertrauter diesem die Worte eines Textes sind, desto leichter hat er es. Eine bildhafte und anschauliche Sprache erreicht auch die Gefühlsebene.


Reiter ist frech und bisweilen bissig. Aber er ist kein Besserwisser, kein
oberlehrerhafter Sprachpapst wie der späte Wolf Schneider. Etwas kurz kommen in seinem Buch nur die Tipps, wie man es besser machen kann.

Reiter zitiert Schulz von Thuns "Magisches Viereck der Verständlichkeit": Einfachheit, Gliederung und Ordnung, Kürze und Prägnanz, anregende Zusätze. Und er formuliert daraus "fünf Regeln für Klardeutsch". - Mein Urteil: treffsicher und unterhaltsam. Für alle, die ohne Schaum vor dem Mund über Irrwege unserer Sprache nachdenken wollen. Wer dagegen Wege sucht, selbst klarer zu schreiben, wird anderswo besser bedient.

Guten Tag! [Dezember 2008]

In der Abenddämmerung des Jahres ziehen wir Bilanz, im Großen und in der eigenen Welt. Im Großen stehe es nicht zum Besten, heißt es im heutigen Gruseltext. Um eine Bilanz für uns selbst geht es dagegen im cleartext-Buchtipp für den Monat Dezember.

Mit besten Vorweihnachtsgrüßen aus Berlin, Hans Ruoff.


Gruseltext des Monats

"Mag die Aufklärung den menschlichen Geist an sich faszinieren und beeinflussen, so hat sie jedenfalls nicht alle Kulturen des Globus erfasst. Denn überall da, wo religiös oder magisch definierte Weltanschauungen ihre Dominanz über weite Teile des Lebens ausüben und wo mithin die Deutungshoheit über das praktische
Tun keinen oder wenig Spielraum lässt für individuelle Standpunkte, Erkenntnisse und Perspektiven, begegnet man dieser Ausprägung westlicher Zivilisation mit Widerstand, ja mit Verbot. (...) Dabei dürfte es mit der Nachfrage, ob und warum andere Kulturen der Welt keine andere, keine dem westlichen Sonderweg vergleichbare Entwicklung genommen haben, nicht sein Bewenden haben."

(Und einige Kapitel später): "Warum die schottische Aufklärung, beruhend auf der Verknüpfung eines die egoistischen Neigungen des Individuums befördernden Utilitarismus mit einer religiös fundierten Morallehre und erfüllt von technologischer Innovationsbereitschaft, eine derartige Wirkung zu entfalten vermochte, wird auf eine Kumulation verschiedener Ursachen zurückgeführt."

Die Aufklärung wollte Licht ins Dunkel des menschlichen Daseins bringen, wollte Pfade schlagen durch das Dickicht des Unverständlichen und des scheinbar Schicksalhaften. Klare Gedanken sind das A und O auf diesem Weg, und klare Sätze sind ihre wichtigsten Spediteure. Also vielleicht so: 

Mag die Aufklärung den menschlichen Geist an sich faszinieren und beeinflussen - alle Kulturen dieser Welt hat sie jedenfalls nicht erfasst. In einigen begegnet man dieser Ausprägung westlicher Zivilisation mit Widerstand, ja mit Verbot: überall da, wo religiös oder magisch definierte Weltanschauungen weite Teile des Lebens beherrschen. Deren Deutungshoheit lässt dem Einzelnen kaum Spielraum für eigene Standpunkte, Erkenntnisse und Perspektiven. (...) Dabei dürfte es nicht ausreichen zu fragen, warum sich diese Kulturen anders entwickelt haben als der Westen.

Die schottische Aufklärung hat eine komplexe Grundlage: ein in der Konsequenz egoistisches Nützlichkeitsdenken, verknüpft mit einer religiös fundierten Morallehre und erfüllt von Aufgeschlossenheit für den technischen Fortschritt. Für die große Wirkung dieser Weltanschauung sehen Wissenschaftler ein Bündel von Ursachen.
   
Klar und verständlich formulieren - so funktioniert es:

Der erste Satz ist im Prinzip in Ordnung, nur das "so" ist etwas irritierend. Ich goss den Gegensatz in eine Gedankenstrich-Konstruktion mit einem "jedenfalls". Der zweite Satz hat es in sich. Die Grundaussage lautet: In einigen Teilen der Welt werden die Prinzipien der Aufklärung angefeindet. Doch dieses "In einigen Teilen der Welt" erscheint in einer "überall-da,-wo"-Schachtelkonstruktion.
Die Hauptaussage "begegnet man dieser Ausprägung westlicher Zivilisation mit Widerstand, ja mit Verbot" rückt dadurch im Satz weit nach hinten. Zu weit.

Ich formuliere zunächst die Hauptaussage. Dann kommt nach dem Doppelpunkt das "wo", und dann in einem dritten Satz die Konsequenz für die Menschen. Der "Dabei-dürfte-es-mit-der-Nachfrage"-Satz ist ebenfalls ein Schachtelsatz. Auch hier bringe ich zunächst die Hauptaussage und dann den Nebensatz.

Der dritte Textteil ist besonders vertrackt. Der Satzkern ist: (Es) wird auf eine Kumulation verschiedener Ursachen zurückgeführt. Das "Es" erscheint als Frage: Warum konnte die schottische Aufklärung eine derartige Wirkung entfalten? Und in diese Frage ist eine lange Definition eben dieser Weltanschauung eingebettet.

Ich gehe die Sache schrittweise an. Zunächst bringe ich die Definition - mit einer Deckelformulierung "hat eine komplexe Grundlage". Damit habe ich einen abgeschlossenen kurzen Hauptsatz. Die Details folgen als Aufzählung. In einem zweiten Hauptsatz bringe ich die ursprüngliche Kernaussage - als Aktivsatz.

Beim Texten habe ich mich an diesen Schreibregeln orientiert:

  • Jeder zentrale Gedanke bekommt einen eigenen Satz
  • Erst der Hauptsatz, dann der Nebensatz
  • Aktiv ist (meist) besser als Passiv - es macht den Akteur sichtbar
  • Menschen ("... dem Einzelnen ...") machen einen Text anschaulich

PS: Falls Sie sich an diesem Gruseltext die Zähne ausgebissen haben: Auch für mich war er einer der schwierigsten seit Bestehen des cleartext-Newsletters.


Tipp des Monats:

In meinen Seminaren sage ich: Wörter aus dem Leben bringen Leben in den Text. - Was meine ich damit? Mit einem Text muss ich eine Brücke zum Leser schlagen. Das ist einfach, wenn ich über Dinge schreiben, von denen jeder von uns ein Bild hat: Schwimmbad, Verkehrsstau, Schlussverkauf. Schwieriger ist es, wenn ich über Abstraktes schreibe - etwa über das Thema Aufklärung.

Anschaulich werden solche Texte, wenn ich abstrakte Begriffe vermeide und stattdessen lebensnahe Wörter verwende. Und wenn ich Menschen einbaue.

Statt "ihre Dominanz ausüben" schreibe ich "beherrschen". Aus einem "die egoistischen Neigungen des Individuums befördernden Utilitarismus" wird "ein in der Konsequenz egoistisches Nützlichkeitsdenken", und aus "technologischer Innovationsbereitschaft" "Aufgeschlossenheit für den technischen Fortschritt".

Dazu kommen die Menschen: Das "wo die Deutungshoheit über das praktische Tun keinen oder wenig Spielraum lässt für individuelle Standpunkte ..." wird bei mir zu "Deren Deutungshoheit lässt dem Einzelnen kaum Spielraum für eigene Standpunkte ...". Und aus dem anonymen "wird auf eine Kumulation verschiedener Ursachen zurückgeführt" mache ich "... sehen Wissenschaftler ein Bündel von Ursachen." - Mit dem Aktiv bringe ich Menschen in den Text.

 


cleartext zum Mitmachen

"In welcher Weise und mit welchem Nachdruck setzt sich die Bundesregierung gegenüber Russland dafür ein, dass eine Reihe von Gefangenen, deren Verhaftung offensichtlich politisch motiviert war und bei deren Prozessen es zu schwerwiegenden Verstößen gegen die russische Strafprozessordnung kam, wie der ehemalige Vorstandsvorsitzende des Ölkonzerns Jukos, Michail Chodorkowski,
der vor genau fünf Jahren wegen Steuerhinterziehung und Betrug zu acht Jahren Haft verurteilt wurde, jetzt mit einer neuen Klage konfrontiert ist, die im abgelegenen ostsibirischen Tschita verhandelt werden soll, und dessen Gesuch auf vorzeitige Haftentlassung abgelehnt wurde, ebenso wie die ehemalige Jukos-Mitarbeiterin Swetlana Bachmina, die zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt und
deren Gesuch auf Haftentlassung ebenfalls abgelehnt wurde, obwohl sie von der Gefängnisadministration positiv beurteilt wurde, zwei minderjährige Kinder hat und hochschwanger ist, wie Platon Lebedew, ehemaliger Bankdirektor von Menatep, der seit Juli 2003 inhaftiert und schwer krank ist, ebenso wie der an HIV erkrankte ehemalige Jukos-Mitarbeiter Wassily Alexanian und die beiden Physiker Igor Sutjagin und Walentin Danilow, die im April bzw. November 2004 wegen angeblichen Verrats von Staatsgeheimnissen, zu denen sie keinen
Zugang haben konnten, zu 15 bzw. 14 Jahren verschärftem Straflager verurteilt wurden, sobald wie möglich freigelassen werden?"

Nein, Sie haben sich nicht getäuscht: Das ist  e i n  Satz mit 191 Wörtern. Er weist den bisherigen cleartext-Primus mit 108 Wörtern locker in die Schranken. Der neue Rekordhalter stammt aus einer Bundestags-Anfrage der Grünen. Wie hätten Sie die Sache formuliert? - Meine Version stelle ich Ihnen im Januar vor.



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Haben Sie einen Text, bei dem Sie sagen: Er ist noch nicht so, wie ich ihn mir wünsche. Wie formuliere ich es anders? Wie erkläre ich diesen Sachverhalt? Schicken Sie mir diesen Text. Schreiben Sie dazu: In welchem Zusammenhang steht er, an wen richtet er sich, was würden Sie gerne anders ausdrücken?

Schicken Sie das Ganze per E-Mail an newsletter@cleartext.de, Stichwort "Wunschbox" - oder an cleartext, Oranienburger Straße 33 in 10117 Berlin. Ich stelle Ihren Text hier in der Wunschbox vor - ohne Namensnennung und gerne auch anonymisiert. Und ich stelle Ihnen meine Alternativversion dazu. Je kürzer Ihr Text ist, desto besser: bitte maximal eine halbe DIN-A-4-Seite.


Für Sie nachgelesen

"Letztendlich war es für mich ein Glücksfall - obwohl es zu Anfang auch eine Katastrophe war. Aber mir ist es gelungen, von der negativen Beurteilung zu einer positiven Einschätzung zu kommen. Bisher habe ich noch nichts bereut."
Das sagt ein Manager, dessen Karriere jäh zerbrach. Und der Ohnmacht und Wut überwand, zu sich selbst zurückfand und neue Kraft entwickelte.

Imme im Sommer und vor Weihnachten stelle ich Ihnen hier ein Buch vor zu einem Thema jenseits des klaren und verständlichen Schreibens. Heute geht es um das Thema Karrierebruch - und speziell um die Frage: Wie schaffen es manche Menschen, diese Katastrophe konstruktiv zu verarbeiten und gerade nach einem Abstieg zu sagen: Es geht mir besser als früher.

Als ich das Buch im Frühjahr schrieb, ahnten wir noch nichts von der Finanz- und Wirtschaftskrise. Sie gibt dem Thema eine zusätzliche Brisanz. 

Hans Ruoff
Die Kunst des erfolgreichen Abstiegs
Vom guten Leben jenseits der Karriere
           
Herder Verlag         
Freiburg 2008     Spektrum Band 5990
ISBN 978-3-451-05990-2     8,95 Euro

Aus dem Inhalt: "Ich musste meine Papiere abgeben." Sicherheit war gestern. "Ich habe mich einfach geschämt." Abschied und Neubeginn: Die Wirklichkeit annehmen. "Was ich jetzt mache, macht Sinn." Abschied aus eigener Kraft: Die Kunst des Loslassens. "Man denkt zu selten über Alternativen nach." 

"Das Buch ist aufschlussreich, weil es einen Einblick in Berufssituationen gibt, die gerne schamhaft totgeschwiegen werden. Und die doch jedem Angestellten jederzeit blühen können. Die Aufmerksamkeit gehört sonst den Aufsteigern, den Gescheiterten geht man aus dem Weg. Hier lernt man Menschen kennen, die mit der schwierigen Situation fertig wurden."   (Tages-Anzeiger, Zürich)

"Geschichten von Menschen, in denen sich jeder wiederfinden kann. Sie wollen Erfolg haben, sind zielstrebig, haben einen Karriereplan. Aber dann scheitern sie. Wer in einer ähnlichen Situation steckt, mag sich getröstet fühlen und Anregungen finden. Für alle anderen ist es eine interessante Anregung, sich mit dem 'Was wäre, wenn …' auseinanderzusetzen."   (Hamburger Abendblatt)


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